Kritik: Death Note

„You humans are so interesting.“

Light, Kamera, Action und alles „Gute“ kommt vom oben. Nach einer Slow Motion zu Australian Crawl’s Reckless, wo sämtliche Klischees schon anfangs zutage treten, flattert das berühmte Buch, das eine ganze Generation geprägt und auch heutzutage Kultstatus erreicht hat, auf den Boden eines High-School-Platzes und wird aufgehoben, vom wasserstoffblonden, überdurchschnittlich intelligenten Light, dessen Genialität noch einmal durch das Lösen einiger mathematischer Gleichungen dem Zuschauer offenbart wird, weil er ansonsten einen ziemlich durchschnittlichen Versager abgibt, der eigentlich gar nicht weiß, zu welcher Sorte Mensch er gehören will. Erst, als er seine „Traumfrau“ in Gestalt der schönen Mia Sutton trifft, wird aus dem Versager kurzzeitig ein „Held“, der die Schwachen verteidigt im strömenden Regen, nur um dann gleich mit blauem Auge vom Direktor zum Nachsitzen verurteilt zu werden. Wie Poesie aus der Konservendose. Im gewöhnlichen Nachsitzraum, beaufsichtigt von niemandem, erscheint ihm dann der uns bekannte Todesgott Ryuk. Statt gefasst und „allwissend“ zu reagieren wie im Anime schreit der neue Light wie ein kleines Mädchen und muss erst von besagtem Individuum dazu genötigt werden, einen Namen ins Buch zu schreiben, um dessen unweigerliches Todesurteil zu unterschreiben.

 

 

Wieder einmal ist Light der Held, da derjenige ein Raufbold ist, der gerade ein Mädel herumschubst und dem Light das blaue Auge zu verdanken hat. Wenn man nun denkt, er sei auf den Geschmack gekommen – weit gefehlt. Auch sein nächstes Opfer schickt er erst durch eine rein emotionale, von Rache angetriebene Handlung in die ewigen Jagdgründe. Erst, als er wieder auf Mia trifft, die wiederholt beeindrucken will und diese ihm hilft, wird er zu der Person, die uns unter dem Decknamen „Kira“ ein Begriff ist. Mia hingegen fühlt sich nicht zu Light als normalem Jungen hingezogen, sondern durch seine „gerechten Taten“ und natürlich durch das Death Note. Sie wird regelrecht davon besessen. Wenn man eine Drogenabhängige in einer völlig abgedrehten, düsteren Geschichte erleben will, dann ist sie das perfekte Beispiel.

Nur zu dumm, dass das der völlig ahnungslose Light, der fälschlicherweise glaubt, alles unter Kontrolle zu haben, es zu spät erkennt und erst durch den öffentlichen Fernsehauftritt von L dahingehend einen Verdacht hegt, welcher schnell sein Gesicht preisgibt, was Light theoretisch benutzen könnte, um ihn mit den Shinigami-Augen zu töten, eigentlich, wenn dieser Teil der Story wäre, denn selbst dann ist fraglich, ob er diesen Deal als Chance sehen würde. Light wird von Minute zu Minute ratloser, zusätzlich von dem Kira besessenen und irrational handelnden L unter Druck gesetzt, zeigt seiner Freundin gegenüber wenig Durchsetzungsvermögen und erhält gegen Ende noch die Quittung für seinen Lichtsinn. Was aber nicht bedeutet, dass die anderen beiden leer ausgehen.

 

 
© 2017 | Netflix
 
Wenn man also den Film mit dem Manga vergleicht, hat er nur noch wenige Gemeinsamkeiten, was gleichzeitig auch ein sehr positiver Aspekt ist, da sich Wingard anscheinend schon im Vorfeld bewusst war, dass, wenn er sich genau an den Ablauf hält, nichts Neues erschafft, und sollte er auch nur eine Szene ändern, sofort den Unmut der Fans zu spüren bekommen hätte.
 
So jedoch kann sich dessen Höhepunkte vor allem in ganzer Pracht durch die von Neonlichtern getränkten Szenen bei Nacht, die Andersartigkeit seiner Charaktere sowie deren Vorgehensweise und eine Storyline mit sehr interessanten, teilweise sogar unerwarteten Kniffen zeigen und entscheidende Stärken unter Beweis stellen, welche in dieser Intensität in der Vorlage nicht vorhanden waren.
 

Alles in allem kann man abschließend sagen, dass der Film im Kern den Geist von „Death Note“ innehat, jedoch äußerlich grundverschieden ist. Kann man mögen, muss man aber nicht. Vor allem aber, da er so kontrovers und polarisierend gestrickt ist, hat sich Wingard mit seiner „Death-Note“-Version definitiv ein Denkmal gesetzt und gezeigt, wie man den Stoff adaptieren kann, ohne ihn zu verunglimpfen.

Marcel Flock

 
8.5 | 10
Über Marcel 533 Artikel
Film ist eine Sprache die jeder versteht. Egal ob in serieller Form oder als Animation, Film dient den Menschen als Unterhaltung und begeistert durch seine Vielfältigkeit. Sei es auf den Ebenen der Erzählung, Effekten oder Charakteren. Film ist aber nicht nur eine Sprache, sondern eine Kunstform, ganz gleich in welcher Art und Weise. Das was ich an Film und allgemein an Medien liebe, ist die Vielfältigkeit, die verschiedenen Ebenen insbesondere die Meta Ebenen und in neue Welten einzutauchen. Aber auch Kritik und Lösungsvorschläge filmisch an unserem heutigen System auszuüben und zu zeigen, wie die Welt in der Zukunft aussehen könnte. "Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein".

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