Kritik: Nur Gott kann mich richten

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Dass sich das deutsche Kino wenig traut und lieber auf Nummer sicher mit Komödien geht, ist allgemein bekannt. Doch gibt es auch da, wenn auch nur vereinzelt, Lichtblicke. Ein paar Beispiele sind „Who Am I“, „Victoria“, „Wir sind die Nacht“ und – einer der besten Vertreter – „Chiko“. Für Aufsehen hat auch Fatih Akins NSU-Thriller „Aus dem Nichts“ mit Diane Kruger gesorgt, der inzwischen mehrfach ausgezeichnet wurde und auf Oscarkurs segelt. Langsam, aber sicher haben deutsche Filmfirmen auch durch die Konkurrenz von Netflix und Amazon Prime, die den deutschen Serienmarkt mit „Dark“ und „You Are Wanted“ aufgemischt haben, gar keine Chance mehr, das deutsche Genrekino zu ignorieren. Denn auch Amerika hat davon Wind bekommen und erfahrene Regisseure wie Sebastian Schipper, Dennis Gansel und auch Baran Bo Odar schnell für ein paar Projekte zu sich geholt.

Vielleicht unterstützt der neue Film von Özgür Yildirim mit Moritz Bleibtreu diesen Richtungswechsel und sorgt für einen Umbruch im Denken der Menschen und der Filmgesellschaften. Beide haben sich schon damals mit „Chiko“ einen Namen gemacht und das Genre des deutschen Gangsterfilms etabliert. Mit „Nur Gott kann mich richten“ wird nun ein Film mit einer ähnlichen Thematik ins Leben gerufen, der gerade einmal drei Millionen gekostet hat. Was daraus geworden ist, kann man getrost als den bisher besten Vertreter des deutschen Genrekinos bezeichnen. Gerade wegen der konsequenten, dramatischen Erzählweise, die nichts beschönigt oder propagiert, ist dieses Gangster-Epos in der heutigen Zeit ein wahrlich besonderer Film.

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Die Geschichte wird aus verschiedenen Sichtweisen geschildert, ein Gut und Böse gibt es da nicht, schlicht das Leben selbst: Gescheiterte Individuen, die sich durch ihr Umfeld nicht anders zu helfen wissen als durch Drogendealen und andere kriminelle Aktivitäten, um ihre Freunde zu schützen und vor allem auch ihrer eigenen Familie beziehungsweise werdenden Familie ein besseres Leben zu ermöglichen.

Sowie eine Polizistin, die sich auf einem moralischen Scheideweg befindet, als sich das Leben ihrer Tochter krankheitsbedingt von Tag zu Tag in Lebensgefahr befindet und sie sich zwischen Recht und Gerechtigkeit entscheiden muss. Dabei setzt sie sich auch mit der Frage auseinander, was ein Menschenleben wert ist und wie weit man bereit ist, für dessen Rettung zu gehen. Der Film schlittert von einer katastrophalen Situation in die nächste, ohne Hoffnung auf Erlösung. Denn dafür ist es längst zu spät und so zieht sich die Schlinge um den Hals der Figuren von Szene zu Szene immer weiter zu.

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Das Ganze gipfelt dann in einem Zusammenprall der beiden Seiten, der einen sehr actionreichen wie auch emotionalen Ausgang hat. Özgür Yildirim besinnt sich nach dem Experiment „Boy 7“ wieder auf seine Stärken und liefert einen spannungsreichen, dramatischen Thriller der Extraklasse. Für deutsche Verhältnisse eine echte Rarität, zumal hier die Kamera als auch die Charaktersierung der handelten Personen perfekt in Szene gesetzt sind. Spielt es bei dieser extravaganten, sehr brutalen und schockierend faszinierenden Genrekost dann wirklich noch eine Rolle, inwieweit diese mit der Realität übereinstimmt, oder ist das lediglich Augenwischerei, weil es sich hierbei um eine deutsche Produktion handelt? 

Denn trotz der ganzen Häme schafft „Nur Gott kann mich richten“ etwas, was ihm wenige so schnell nicht nachmachen werden: Das Spannungstempo konstant bis zum Schluss durchzuhalten, so dass die relativ kurze Laufzeit von 99 Minuten vorbei geht wie im Fluge.

 

Über Marcel 531 Artikel
Film ist eine Sprache die jeder versteht. Egal ob in serieller Form oder als Animation, Film dient den Menschen als Unterhaltung und begeistert durch seine Vielfältigkeit. Sei es auf den Ebenen der Erzählung, Effekten oder Charakteren. Film ist aber nicht nur eine Sprache, sondern eine Kunstform, ganz gleich in welcher Art und Weise. Das was ich an Film und allgemein an Medien liebe, ist die Vielfältigkeit, die verschiedenen Ebenen insbesondere die Meta Ebenen und in neue Welten einzutauchen. Aber auch Kritik und Lösungsvorschläge filmisch an unserem heutigen System auszuüben und zu zeigen, wie die Welt in der Zukunft aussehen könnte. "Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein".

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