Kritik: Der seidene Faden

Spannt man einen Faden, einen seidenen Faden, zu stark, kann er reißen. Nichtsdestotrotz: Was ist überhaupt ein seidener Faden? Sagen wir, ein seidener Faden ist mondän, ergreifend ideal. Er ist ein Hauch von Nichts, gefroren in Ausstrahlung und Ästhetik und absurder Genauigkeit. Das ist die Welt des Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis). Eine Künstlerwelt: künstlich und stickig, schon, aber auch durchnummeriert – der Ablauf beruflicher und privater Rituale, die Choreografie der Handgriffe, die Überwachung der Lautstärke, dies alles konstruiert eine Laune der Dämm(er)ung und des Halbschlafes, schafft das Abziehbild eines seidenen Fadens in einem gründlich eingerichteten Lebensatelier. Porträtierte Paul Thomas Anderson zuvor immer wieder Milieus an der Bewusstseinsgrenze ihrer eigenen Ekstase („Boogie Nights“) oder Askese („The Master“), die, einer eigenen Textur zufolge, ein mimisches und gestisches Überlagerungssystem aus Musik, Tanz, Physis und Historie etablierten, bewegt sich Anderson jetzt durch die aristokratische Modewelt. Aber wo „Boogie Nights“ kein anrüchiges Sittengemälde über die Pornobranche war, ist „Der seidene Faden“ kein versteinertes Faktenstück über die Modebranche.

Ein zweites „Boogie Nights“ oder ein zweites „Magnolia“ sehen wir hier ohnehin nicht. Dafür ist die Komposition schneidender, bedachter, fordernder. Anderson platziert erneut einen Monolithen in Gestalt von Daniel Day-Lewis ins Zentrum von Unterdrückung und Wahn, ein Felsbrocken, an dem die Naturgewalten abprallen, weil er uns selber als Naturgewalt den Raum raubt. Richtig einzuordnen vermag sich diese Figur nicht. Abstoßung, Ekel, Groteske auf der einen Seite, Anziehung, Zuneigung, Komödie auf der anderen Seite. Die Daniel Plainviews und Lancaster Dodds, Ungeheuer und Feldherren vergangener Epochen, sind in London gestrandet, haben sich verlaufen – und ihr einziger Ausweg liegt darin, ihn und sich abzuschirmen. Manchmal persifliert Day-Lewis die archetypisch exzentrische Künstlerseele bewusst und unbewusst – in kaum bedrohlicheren Frühstücksszenen darf die Ruhe, der „Fluss“ des Künstlers, nicht gestört werden. Jedes Tassenklappern, jeder Biss in den Toast, jeder Kaffee- und Teestrahl, der eingegossen wird, sind tendenzielle Quellen des Diebstahls. Wenn Anderson derartige Geräusche theatralisch überhöht, dann ist die Dichotomie, anders als in „There Will Be Blood“ nicht das Geld und der Glaube, sondern das Leise und das Laute.

Für das Laute (oder das Spontane, Willkürliche, Fassungslose quasi) vertraut Anderson auf die Deutsche Vicky Krieps. Für Woodcock ist Alma (Krieps) Muse, Modell und Objekt gleichermaßen, Grund auch, ein überbordendes Frühstück zu bestellen, als er sie – Alma ist Kellnerin – zum ersten Mal sieht. Mit fortschreitender Laufzeit nimmt die Abfolge von Gefängnis und Befreiung in der Beziehung beider jedoch zu, wird dichter, ja krankhaft empfindlich. Alma hadert mit dem Status, den ihr Woodcock gibt – über jenen der Verunsicherung, des Alarms, des Hindernisses hinaus kann sich Alma zunächst nicht behaupten. Wie auch? Unter den manischen Augen von Woodcocks Schwester Cyril (Lesley Manville), der Doppelgängerin Peggy Dodds, muss das Unnatürliche stets domestiziert werden. Schließlich trifft „ihre“, Almas Welt, auf „seine“, Reynolds Welt, und beide Welten haben eine geringe Schnittmenge. Er vertieft sich, sie will erwachen, er will, sie schlägt vor. Der seidene Faden, der zwischen ihnen gespannt wird, ist eine höchst verletzbare Verbindungslinie, die jederzeit droht, abzureißen. In das säuberliche Gefüge des Reynolds Woodcock kann eine Alma nicht überleben, das Unreine, Primitive, und das Physische nicht das Geistige besiegen.

Mit „There Will Be Blood“ und „The Master“ hat „Der seidene Faden“ sicherlich Andersons psychologisches Bohren gemein, das die eklektizistische Situationsfreude früherer Werke unterminiert. Wer dennoch geblieben ist, ist Jonny Greenwood. Seine Musik schmiegt sich unumwunden elegant den inneren Zuständen der Figuren an, und oft untermalt die Musik (als Gefühlstableau) das Geschehen auf der Leinwand schnell, rasend, aggressiv, ehe sie abklingt wie jeder Streit. Dieser über zwei Stunden andauernde Streit vulgärer Zärtlichkeiten, changierend zwischen Rausch und Struktur, endet beinah friedlich – in der künstlerischen Seifenblase. Nachdem Alma Woodcock mittels giftigen Pilzen handlungsunfähig machte, fügt sich Woodcock in diese kurzen Episoden des Weichen, Fürsorglichen, Mütterlichen. Es ist Almas Rebellion gegen den Takt der Maschinerie, Nähprozessen gleich, und Woodcocks Riss in der Selbstbezogenheit, hart zu sein. In diesen kurzen Episoden verdreht sich das Spiel, das Monster schwitzt und zittert, der Monolith schmilzt durch die Einstrahlung der Sonne. Vielleicht war das Woodcocks Ausweg: Nah am Tode die Gier nach Leben zu erlangen, nach gesunder Unordnung, nach dem Begehren.       

(Gastautor Timo Kießling)

Über Marcel 505 Artikel
Film ist eine Sprache die jeder versteht. Egal ob in serieller Form oder als Animation, Film dient den Menschen als Unterhaltung und begeistert durch seine Vielfältigkeit. Sei es auf den Ebenen der Erzählung, Effekten oder Charakteren. Film ist aber nicht nur eine Sprache, sondern eine Kunstform, ganz gleich in welcher Art und Weise. Das was ich an Film und allgemein an Medien liebe, ist die Vielfältikeit, die verschiedenen Ebenen insbesondere die Meta Ebenen und in neue Welten einzutauchen. Aber auch Kritik und Lösungsvorschläge filmisch an unserem heutigen System auszuüben und zu zeigen, wie die Welt in der Zukunft aussehen könnte. "Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein".

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