Kritik: Wind River

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Es gibt Filme, von denen hat man sofort nach der Sichtung eine Meinung und welche, die man erst mal verdauen muss. Filme, die in kein Schema so richtig passen wollen und wo man lange überlegen muss, wie man das fesselnde Erlebnis in Worte verpackt. Doch selbst diese Filme haben bestimmte Erkennungsmerkmale, sodass man eigentlich vorab weiß, in welche Richtung er sich tendenziell bewegt.

Die Wendungen, von denen natürlich auch hier gebraucht werden, kann man nach Sichten des Trailers diesmal definitiv nicht herausfiltern, dafür ist Wind River einfach viel zu komplex angelegt, als das man ihn auf drei Minuten herunterbrechen könnte. Denn trotz, dass er so unglaublich intensiv ist, passiert im Grunde genommen nicht viel und für einen Blockbuster wäre das Ganze wahrscheinlich in 30 Minuten als maximal eine Vorgeschichte abgehandelt. Bei diesem Fall läuft vieles über Beobachtungen nicht dem bloßen schauen an sich, sondern dem Sehen. Natürlich bietet auch dieser Film extrem viele Schauwerte siehe die unvergleichlichen Landschaftsaufnahmen im Winter. Jeder Dokumentarfilmer würde sich allein schon deswegen diesen Film zu Gemühte führen wollen. Doch wer Wind River wirklich verstehen will, muss teilweise auch zwischen den Zeilen lesen, sich mit der Komplexität der Charaktere befassen, sie intuitiv studieren und das große Ganze aus mehreren Blickwinkeln betrachten. Wie ein Gemälde, das möglichst viele Interpretationsmöglichkeiten bietet. So sehen die einen, einen blutigen Action Thriller in ihm, die anderen eine Auseinandersetzung mit der Diskriminierung der Menschen indianischer Abstammung beziehungsweise welche die diese Wurzeln haben. Einem anderen ist der Film viel zu lang und kann sich die Vorgehensweise, wie die Charaktere handeln, nicht erklären.

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Für solche ist der Film eher ungeeignet, da Taylor Sheridan mit seinem Regiedebüt schon eine Botschaft vermitteln will, diese aber nie wirklich ausspricht. Dass diese anfangs etwas unverständlich und rätselhaft rübergebracht wird, ist Teil des Konzepts, also nicht verkehrt, wenn man sich anfangs etwas verloren fühlt. Er will einem sowohl die Kultur als auch deren Regeln näherbringen, die nicht in allen Punkten nachvollziehbar sind, aber genau das macht diesen Film auch aus. Er bietet unglaublich viel Diskussionsstoff, man kann ganze Abhandlungen über ihn verfassen, die die im Film gezeigte Problematik widerspiegeln. Von der Ferne aus kommen sie uns wie Fremde vor. Leute, die man vor allem in der Literatur zu deuten versucht und so ist auch total unverständlich, wie man in einer solchen Gesellschaft einen Platz finden würde, und ist blass erstaunt, dass Jeremy Renners Charakter es dennoch schafft und so wirkt, als wäre er einer der ihren.

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Wie sein Charakter Corey mit den anderen agiert, dessen Schmerz mitfühlt und nachvollziehen kann, man könnte fast meinen er hat sich von den normalen Leuten losgesagt und ein neues Leben angefangen. Doch im Grunde genommen sind sie genau wie wir, haben dieselben Gefühle, dieselben Sorgen und Nöte, nur eine andere Hautfarbe und andere Abstammung. Dabei vergessen wir, wer diesen Kontinent zuerst besiedelt hat und tun so, als wären wir ihnen überlegen, was keinesfalls der Wahrheit entspricht. In der äußeren Erscheinung ist der Film nur ein Thriller, der einen Mordfall behandelt, doch, wer genauer hinschaut, merkt, worauf der Regisseur wirklich aus ist.

Taylor Sheridan beweist mit Wind River, dass er nicht nur Ahnung hat, wie man Drehbücher spannend gestaltet, sondern diese auch inszenieren kann, was den wenigsten heutzutage gelingt. Trotz, dass er nun auf dem Regiestuhl sitzt, erkennt man in jeder Szene des Films seine unverkennbare Handschrift. Und so können auch Jeremy Renner und Elisabeth Olsen beweisen, aus welchem Holz sie geschnitzt sind und das da noch einiges mehr geht, als nur plumpes Hollywood Geplänkel.

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Definitiv sollten beide sich in Zukunft überlegen, mehr von dieser Art der Filme anzunehmen, da sie überraschenderweise hier deutlich besser agieren und trotz weniger Dialoge, es teilweise durch Blickkontakt schaffen miteinander zu kommunizieren, als in vorangegangenen Filmen. Sie scheinen dort am besten funktionieren und in der richtigen Atmosphäre sich voll ausleben können, was wiederum zeigt, dass es zwar riskant ist, andere Wege zu gehen, sie aber doch manchmal von Erfolg gekrönt sein können.

Über Marcel 584 Artikel
Film ist eine Sprache die jeder versteht. Egal ob in serieller Form oder als Animation, Film dient den Menschen als Unterhaltung und begeistert durch seine Vielfältigkeit. Sei es auf den Ebenen der Erzählung, Effekten oder Charakteren. Film ist aber nicht nur eine Sprache, sondern eine Kunstform, ganz gleich in welcher Art und Weise. Das was ich an Film und allgemein an Medien liebe, ist die Vielfältigkeit, die verschiedenen Ebenen insbesondere die Meta Ebenen und in neue Welten einzutauchen. Aber auch Kritik und Lösungsvorschläge filmisch an unserem heutigen System auszuüben und zu zeigen, wie die Welt in der Zukunft aussehen könnte. "Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein".

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