Kritik: „Das schweigende Klassenzimmer“

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Das Recht auf eigene Meinung. Wo fängt es an und wo hört es auf und was passiert eigentlich, wenn diese gegen die derzeit herrschende Staatsform geht?

Mit all diesen Fragen setzt sich Lars Kraume in seinem neuen Film „Das schweigende Klassenzimmer“ auseinander, der im Deutschland der 50er Jahre spielt obgleich wie auch sein Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“. Die Handschrift des sehr talentierten Regisseurs, der sich in seinen Filmen oft mit politischen Themen auseinandersetzt, die auch in einem gewissen Bezug auf das hier und jetzt stehen, ist unnachahmlich. Trotz, dass es sich hierbei um eine Klasse junger Abiturienten handelt, die durch eine Schweigeminute ins Fadenkreuz geraten, sind die Gemeinsamkeiten seiner Filme verblüffend. Immer wieder lässt Kraume in seinen Filmen dem Zuschauer die Wahl, welche Sicht er für richtig hält. Er urteilt nicht, wenngleich in manchen Momenten, seine subjektive Meinung zum Geschehen durchsickert. Was nicht unüblich ist, weil kein Regisseur oder Kritiker jemals komplett objektiv entscheiden kann, ein Schimmer der eigenen Tendenz ist immer vorhanden. Entscheidend ist eher, wie man das Ganze verpackt, ob offensichtlich oder subtil. Kraume geht den subtilen Weg, jedoch merkt man im Laufe des Films, dass er in gewisserweise mit den Jugendlichen beziehungsweise der Schulklasse sympathisiert. Dies zeigt sich auch dahin gehend, dass er die Geschehnisse aus deren Sicht schildert und versucht dem Zuschauer bildlich ihre Gedankengänge, Beobachtungen sowie Entscheidungen und deren Konsequenzen die sie mit sich ziehen darzustellen. Es ist eine sehr unverbrauchte, naive Sichtweise der Schulklasse, welche sich auch besonderes in deren Unentschlossenheit widerspiegelt, ob sie nun für oder gegen das System sind. Sie machen zwar Späße und üben untereinander Kritik am regierenden Regime, versuchen sich aber trotz alledem zu fügen, um beispielsweise den Erwartungen ihrer Eltern und Lehrer gerecht zu werden. Die Eltern wiederum versuchen ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen, als sie selbst hatten, beziehungsweise ihr Wissen und ihre Erfahrungen an sie weiterzugeben.

Im Grunde genommen erzählt der Film eine normale Geschichte ums Erwachsenenwerden, wäre da nicht der Faktor Zeit, nämlich eine des Umbruchs und der Unruhe. Eben das Deutschland in den 50er Jahren, noch vor dem Bau der Mauer, dass das Ganze nochmal um einiges intensiviert und somit den Grad der Spannung und des daraus resultierenden Konfliktpotenzials anhebt. Hier ist eine Schweigeminute, nicht einfach lapidar und anerkennenswert, so traurig es auch sein mag, sondern wird, sobald es politisch wird und einen Systemgegner/Widerständler betrifft, als Hochverrat gewertet. Wer sich hier als „Freidenker“ zu erkennen gibt, muss mit katastrophalen Folgen rechnen. Hier ist es deutlich schlimmer, wenn man öffentlich seinen Standpunkt zu einem gesellschaftlichen Thema bekundet, sofern diese nicht mit der vorherrschenden Macht übereinstimmt, was übrigens noch heute in vielen solcher Systeme der Fall ist, siehe Russland oder die Türkei.

Theo (Leonard Scheicher) erhält von Rektor Schwarz (Florian Lukas) einen Tadel während des Fahnenappell, copyright by Studiocanal

Das bedeutet nicht, dass Kraume dadurch den Sozialismus verteufelt, sondern einfach die Gegebenheiten der Zeit wiedergibt. Klar war nicht alles schlecht, wie beispielsweise der Fakt, das Theos Vater trotz seiner politischen Differenzen eine Arbeit hat. Aber sobald man sich in irgendeiner Form auch immer gegen dieses System auflehnt, sei es bewusst oder unbewusst, hat das weitreichende Konsequenzen, selbst wenn man nur ein Schüler ist und sich solidarisch bekunden will. Ob die amerikanische Besatzungszone da besser war, ist hier nicht Gegenstand der Handlung. Fakt ist bloß das dieser Film keine der beiden Seiten glorifiziert, sondern lediglich Fakten aufzeigt, die nun einmal nicht von der Hand zu weisen sind.

Aufgrund ihrer Umstände ist es wohl auch um einiges schlimmer und belastender für die Jugendlichen, wenn sie erfahren, welche Stellungen ihre Eltern im Krieg hatten. Dabei kommen Geheimnisse ans Tageslicht, die deren Leben verändern könnten, dessen Fehler den Kindern nun nachgetragen werden und die unfreiwillig in die Vorfälle verwickelt werden. Der Spruch „die Kinder büßen für die Sünden der Eltern“ ist eines der wichtigsten Kernthemen des Films. Man kann durchaus sagen, dass Kraume hier absichtlich mit den Sorgen, Nöten, Ängsten, Erlebnissen der Jugendlichen als auch deren Eltern spielt und zeigt, dass niemand wirklich unfehlbar ist und das manche Entscheidungen so schwierig sie auch sein mögen, notwendig für das eigene Überleben sind, auch wenn man vielleicht später für diese zur Rechenschaft gezogen wird. Denn selbst wenn man nichts tut und schweigt, kann das fatale Folgen haben.

Über Marcel 530 Artikel
Film ist eine Sprache die jeder versteht. Egal ob in serieller Form oder als Animation, Film dient den Menschen als Unterhaltung und begeistert durch seine Vielfältigkeit. Sei es auf den Ebenen der Erzählung, Effekten oder Charakteren. Film ist aber nicht nur eine Sprache, sondern eine Kunstform, ganz gleich in welcher Art und Weise. Das was ich an Film und allgemein an Medien liebe, ist die Vielfältigkeit, die verschiedenen Ebenen insbesondere die Meta Ebenen und in neue Welten einzutauchen. Aber auch Kritik und Lösungsvorschläge filmisch an unserem heutigen System auszuüben und zu zeigen, wie die Welt in der Zukunft aussehen könnte. "Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein".

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