Kritik: The Florida Project

© Prokino Filmverleih GmbH

Im Schatten des Wunderlandes bekommt der Sommer eine traurige Note. Jeden Tag spielen sie und balgen sich und nerven und betrügen, die Kinder der Sonne. Sie verlieren sich, ohne zu wissen, dass sie jeden Tag überleben. Es liegt eine beißende Ironie in diesem Film, denn einige Gehminuten von Disney entfernt leben, verharren, vegetieren die Ärmsten der Armen in einem Motel. Täglich müssen sie um die Miete feilschen – oder sie aufbringen, erschnorren und ergaunern. Sean Baker erzählt in „The Florida Project“ von existenziellem materiellem Abgeschnittensein, von einem ausweglosen Alltag um die Suche nach kleinsten Chancen. Wenngleich die Kinder die Hauptrolle spielen, so skizziert Baker anhand der alleinerziehenden Mutter Halley (Bria Vinaite), wie illusorisch der Weg hinaufführen kann. In wiederkehrenden Fragmenten sehen wir Halley beim Vermindern von Kräften, denen sie nicht standhält – der Kreislauf ist unausweichlich. Beinah zynisch wirkt dabei die retrofuturistische, pastellfarbene Kulisse einer Harmonie, die schreiend, aber doch verloren den Traum eines Versprechens aufrechterhält: Inmitten von orangenförmigen Gebäuden und schrillen Werbetafeln wellt sich das Heilige längst an den Fassaden der Wirklichkeit.

John Cassavetes hätte Gefallen an „The Florida Project“ gefunden. Nicht nur, dass Baker unter den Tisch gekehrte, unliebsame Wunden aufzeigt, indem sich sein Film offenbart, entblößt – ihm geht es gleichfalls um Wahrheitsvermittlung (mit Bakers Worten gesprochen: um eine „popästhetische Wahrheitsvermittlung“), während Gesichter eine Geschichte ihrer selbst entwickeln. Im Faltennacken Willem Dafoes zeigt sich das Gesicht eines Gesichtes, das real ist, zeigen sich die Abnutzungserscheinungen, funktionieren zu müssen und jederzeit abgehangen werden zu können. Die Erwachsenen in diesem Film mögen Leerstellen bleiben (zum Beispiel ein älterer Mann, der sich auffallend zweideutig den Kindern nähert), aber ihre sozialen Herausforderungen in einem Land, das Fortschritt, Leichtigkeit, Seinsvergessenheit predigt, berühren ein ums andere Mal den Schmerz womöglich eigener annähernder Erfahrungen. Moralisch wird Baker hierin nie. Größtenteils beobachtet er, mischt sich nicht ein, die Kamera schlägt keine Haken oder nimmt eine Mitleidsperspektive ein. Stattdessen fixiert Baker das Treiben und Getriebensein, das Anpacken ebenso wie das Einstecken unter der Lupe des Wahrhaftigen.

Trotz der Schwere der Prämisse ist „The Florida Project“ (zu Beginn jedenfalls) ein dezent leichter Film, der jenen Spaß, den die Kinder haben, mühelos auf den Zuschauer zu übertragen vermag. Ob sie auf ein Auto spucken, sich Eis erschwindeln, den Strom des Motels, einem Habitat unendlicher Entdeckermöglichkeiten, abschalten oder gar ein verfallenes Haus anzünden – der Film folgt ihnen auf Schritt und Tritt. Sie avancieren zu Ikonen der Unschuld, lassen sich von Impulsen leiten und durchrennen ein Labyrinth gefährlicher Eventualitäten. Obschon die Bedrohung omnipräsent ist – das Märchen, der Schein, der Rückzug wird von allzu konkretem Hubschrauberrattern durchbrochen –, ist ihre Lust am Spiel ungebrochen. Der Kegel, den sie dabei umrunden oder sich an ihm stoßen, ist der Manager des Motels, Bobby (Dafoe), ganz und gar Pragmatiker, nie zu rechtschaffener Altruist, eben einer von ihnen. Diese Natürlichkeit fungiert als Imperativ, fast zu keiner Zeit große Töne anzuschlagen, auch wenn sich die Eskalationsstufen im letzten Viertel eine Spur zu gezwungen nach oben schrauben. In „The Florida Project“ fließen die Tränen der Erkenntnis über eine Erkenntnis, die trotzdem hoffnungsvoll klingt: Selbst ein gefällter Baum wächst unaufhörlich.              

(Gastautor Timo Kießling)

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