Kritik: I, Tonya

© DCM Filmdistribution

Zwischen Eiskunstlauf und Boxen besteht die Gemeinsamkeit darin, dass die Beine eine Balance aufrechterhalten müssen. Sich in formbewussten Bewegungen einem tänzerischen Rhythmus hingeben – im Idealfall entsteht daraus eine Musterchoreografie außerirdischer Körperbeherrschung. Aber dafür müssen die Schnürsenkel fest zusammengebunden sein, sonst geraten die Füße außer Kontrolle. Craig Gillespie verweist auf den Blutstropfen, der sowohl im Boxring als auch auf der Eisfläche die Signatur des Willens ist, sich entweder besinnungslos angestrengt zu haben oder in der Niederlage das letzte Aufbäumen verpasst zu haben. Margot Robbie spielt Tonya Harding mit der Grandezza des schlimmstmöglichen Übels, und diese Tonya Harding durchläuft die Zonen der Anstrengung wie des Aufbäumens in ungeahnter Geschwindigkeit: Auf einen Sieg folgt die Sklaverei, auf einen Triumph die harten Schläge. Robbie beweist Mut zur Hässlichkeit, ihr Gesicht ist zerschunden, aufgedunsen und selbstdemontiert – eine blauangelaufene Fratze reliefartiger Verwüstung.

Was „I, Tonya“ nichtsdestotrotz will – es ist unklar. Was ist das für ein Film?  Alles quasi. Eine Gangsterfarce, ein Eiskunstlaufsportlerfilm, ein Eheexplosionsdrama, eine musikalische Collage, ein postmodernes Aufstieg- und Fall-Biopic? Alles und noch mehr. „I, Tonya“ entführt uns in die Schaltzentrale des angestrengten Filmemachens. Der Fall Tonya Harding – ihrer Konkurrentin wurde vor einem Wettkampf einst das Knie zertrümmert –  ist für Gillespie augenscheinlich nicht sättigend genug, um damit einen Spielfilm zu füllen. Also mäandert der Film in den Untiefen des Metakommentars, wenn Gillespie die fiktional aufbereitete Geschichte mit ihrer Fiktionalität konfrontiert und die Beteiligten von einst in oft nichtssagenden, quälend willkürlichen Interviewstrecken zu Wort kommen lässt. Der Schnitt (Tatiana S. Riegel) gewährleistet dabei eine irritierende Schichtung von Material aus erster Hand und der Interpretation des Regisseurs. Wo das Durchbrechen der Vierten Wand aber unlängst zu einer Pose der Poser gerann, so stellt „I, Tonya“ klar: Das ist alles cool, hörst du?

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Atmen fällt hier schwer, denn der Wahrheitsbegriff wird überstrapaziert und konstruiert, verflüchtigt sich unter den Spitzfindigkeiten ausgestellter Mutmaßung. „I, Tonya“ ist ein aufdringlicher, über Gebühr enervierend sich auf die Schulter klopfender Film, der jede Szene mit Evergreens zukleistert. „Goodbye Stranger“ (Supertramp) und „Gloria“ (Laura Branigan) sind ohne Zweifel druckvolles Kolorit – und beide Songs neutralisieren die Plumpheit von zwei der eindrucksvolleren Szenen. Gillespie hat sich allerdings zu sehr in seine Jukebox verliebt, die er wahllos betippt (respektive vertippt). Das Resultat tendiert zu einer Martin-Scorsese-Revuenummer, die bei Martin Scorsese nicht bloß eine Nummer ist. Gillespie traut sich ohnehin nie, den beklemmenden Leidensstrapazen zu folgen, der häuslichen Gewalt, der destruktiven Liebe, dem Schmerz, der wehtut und in katatonischer Endlosigkeit verharrt. Es ist eher so, dass der Regisseur jederzeit bereit ist, seine Protagonistin zu verraten, indem er sie im besten Fall ironisch belächelt und, man lese sich die Texttafeln im Abspann durch, im miesesten Fall zynisch verlacht.

Dazu passt, dass in diesem Film eine nicht einsehbare Anzahl an „Vollpfosten“ eben Vollpfostendinge tun, beispielsweise eine Glasscheibe im wahrsten Sinne des Wortes köpfen oder das Auto während einer Observierung auf wechselnde Parkplätze stellen. Sie, diese Möchtegernganoven, bearbeiten ihre Welt mit ihren Mitteln, und Gillespie kann gar nicht genug von ihren Streichen bekommen: Tausendfache Wiederholungen jenes redundanten Hinweises, dass Shawn (Paul Walter Hauser) glaubt (warum auch immer), die ganz bösen Jungs zu jagen, zeigen zeitig Abnutzungserscheinungen. Selbst Allison Janney, die beängstigend ein „Monster“ an omnipotenter Verfügungsgewalt auf das Roheste abstrahiert, entspricht einer Spur zu restriktiv dem Filmklischee mütterlicher Autorität. Ob das satirisch aufzufassen ist? Mag sein. Die Mittel, die der Film wählt, reichen aber über (zugegeben: teils komödiantisch herzhaften) Klamauk nicht hinaus. Wenn sich „I, Tonya“ auf das Unscheinbare, das Leise bis Stumme besinnt, wenn er eine malträtierte Margot Robbie zeigt, die sich im Spiegel betrachtet und ihre Gedanken erfrieren, dann erst schluckt der Film seinen Narzissmus herunter.    

(Gastautor Timo Kießling)

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