Kritik: „Auslöschung“

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Wer einen Film von Alex Garland guckt, weiß meistens worauf er sich da einlässt. Denn diese sind meistens echt heftige Kost was das Niveau betrifft teilweise sogar wissenschaftliche Abhandlungen, Philosophische Theorien, neue Wege und Lösungen, eben das was den Begriff Science Fiction geprägt hat, welcher heute leider nicht mehr in diesem Maße eingesetzt wird.

Denn die meisten Sci-Fi Filme gehen entweder in Richtung Marvel Comic, oder Sci-Fi Horror wie „Alien Convenant“, „Life“, „Cloverfield“, und so weiter oder werden als Sci-Fi betitelt, weil einmal ein Raumschiff darin zu sehen war. Richtige gute SciFi Filme sind heutzutage sehr rar, was Garland vermutlich auch weiß, denn Auslöschung ist sein wahrlich bisher kontroversestes Werk.

War „Ex Machina“ schon teilweise extrem komplex und sehr vielschichtig, setzt er mit Auslöschung einen neuen Höhepunkt. Denn dieser Film agiert hauptsächlich über seine Bilder und die Emotionen seiner Figuren. Garland kürzt die Dialoge runter bis aufs wesentliche und versucht mehr anhand von Bildern zu erklären, bestes Beispiel die Anfangsszene mit der Zellteilung. Man merkt von der ersten Szene, dass sich „Auslöschung“ grundsätzlich mit der Genetik auseinandersetzt und diese vorn vorne bis hinten ergründet. Jeder Abschnitt des Films trägt einen weiteren Teil zur augenscheinlichen Lösung bei, stellt dabei das komplette Beziehungswesen infrage sowie auch das wirken zwischen Mensch und Natur.

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Er ergründet mehr und mehr den Mensch an sich, dessen Wesen und wieso eine Koexistenz mit einer anderen Spezies möglich beziehungsweise unmöglich wäre. Er geht oftmals sehr tief ins Detail, versucht Lösungsansätze aufzuzeigen, die er in der nächsten Sekunde aber sofort wiederlegt. Dabei konzentriert er sich vollends auf seinen Protagonisten Lena, eine Frau, die zwar unschuldig erscheint, aber auf Zerstörung abzielt. Warum weiß sie selber nicht, hauptsächlich weil sie keinen anderen Weg jemals kennen gelernt hat. Wir sehen ihr zu, wie sie im Laufe der Handlung ihre eigene Menschlichkeit ergründet und Schlussfolgerungen zieht, die ihre Sicht auf die Dinge grundlegend ändern. So zeigt sie sich zu Beginn als sehr selbstsichere dennoch sehr emotionale, verzweifelte Wissenschaftlerin, die ihren Mann durch die Armee verloren hat, was wiederum sich im Laufe des Films als etwas anderes entwickelt, als man es gedacht hat. Ihr Charakter wird von Szene zu Szene komplexer, vielschichtiger, ihre getroffenen Entscheidungen jedoch lassen sich schwer nachvollziehen und je mehr man über ihren Charakter erfährt, desto weiter entfernt sie sich von dem Bild, was man zu Beginn von ihr hatte.

Allgemein verändert sich das Bild vom Film deutlich, denn der eigentliche Twist entpuppt sich nicht in einer Szene, sondern hält sich von Beginn bis zum Schluss. Alles reiht sich ein, jede Vermutung, jede Beobachtung führt letzten Endes zu einem Ergebnis, was im Grunde genommen gar keins ist. Es ist ein sehr langsamer, nahezu schleichender Aufbau des Spannungsbogens, der sich immer weiter verdichtet. „Den Spruch er sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr“ trifft hier haargenau ins Schwarze. Nicht auf den Film, sondern auf die Sicht des Zuschauers. Man wird regelrecht überflutet mit Theorien auf einer spirituellen wie auch wissenschaftlichen Ebene und doch führen alle Stränge am Ende zusammen.

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Dabei bestaunt man die Kameraeinstellungen und Experimente mit Licht und Schatten, wie auch das bewusste Einsetzen von Lense Flares, die hierbei aber nicht störend und übertrieben wirken, wie bei Abrams „Star-Trek“, sondern ihren Teil zur Atmosphäre des Films beitragen. Allgemein hat der Film eine riesige Bandbreite an Schauwerten, die vom Betreten des Schimmers bis hin zum Ende stetig zunimmt. Es ist so, als würde man selbst eine Reise durch den Schimmer antreten und von Beobachtung zu Beobachtung beginnen sich selbst zu hinterfragen. Denn Garland zeigt verschiedene Wege auf, die man gehen kann ohne einen davon als richtig oder falsch zu werten. Jeder Charakter fasst nach dieser Reise einen Entschluss, wie es weitergehen soll. Ob eine Verschmelzung mit der Natur, die Hingabe des Todes oder die Stärke sich durchzukämpfen, auch wenn gar kein Kampf vorhanden ist. Denn das ist vermutlich die eigentliche Botschaft von „Auslöschung“. Wo es keinen Kampf gibt, da gibt es auch keine Opfer. Viel mehr fehlt uns die Akzeptanz von Veränderung, die dieser Film aufzeigt. Hier werden Soldaten nicht als Helden porträtiert, sondern als fehlgeleitete Menschen dargestellt, die in ihrem Irrglauben an ein höheres Ziel, den Weg aus den Augen verloren haben und die nichts anderes mehr kennen als Zerstörung. Zerstörung des Unbekannten, die Enträtselung dessen, um es für Menschen so begreiflicher zu machen. Einen Aspekt, den Garland mit einem Vorschlaghammer zerstört.

Er will das Labyrinth nicht lösen, sondern Wege in ein neues aufzeigen. Sein Weg aus dem Labyrinth ist in ein weiteres einzusteigen. Einen Weg der letzten Endes kein Ende findet und doch zu Ende gehen muss in der Hoffnung einen neuen Anfang zu finden.

Über Marcel 583 Artikel
Film ist eine Sprache die jeder versteht. Egal ob in serieller Form oder als Animation, Film dient den Menschen als Unterhaltung und begeistert durch seine Vielfältigkeit. Sei es auf den Ebenen der Erzählung, Effekten oder Charakteren. Film ist aber nicht nur eine Sprache, sondern eine Kunstform, ganz gleich in welcher Art und Weise. Das was ich an Film und allgemein an Medien liebe, ist die Vielfältigkeit, die verschiedenen Ebenen insbesondere die Meta Ebenen und in neue Welten einzutauchen. Aber auch Kritik und Lösungsvorschläge filmisch an unserem heutigen System auszuüben und zu zeigen, wie die Welt in der Zukunft aussehen könnte. "Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein".

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