AnimeReview: A Silent Voice „Koe no Katachi“ (Blu-ray)

Nachdem der erfolgreiche Manga von Yoshitoki Ōima 2013 als Anime-Serie erschien, würdigte man dessen Werk 2016 mit einer von Kyōto Animation Studio produzierten Verfilmung. Warum der Film, welcher zahlreiche Preise abräumte und seit dem 16. März 2018 nun auch in deutscher Sprache auf Blu-ray verfügbar ist, zu recht als „fantastisches Werk“ (Makoto Shinkai, Your Name) bezeichnet wird, erfahrt ihr in unserer Kritik.

Wenn zwei Welten aufeinander prallen

Der aufgeweckte Shōya Ishida ist ein lebensfroher, wenn auch etwas „schwieriger“ Schüler an einer ganz normalen Grundschule. Doch als die gehörlose und schüchterne Shōko Nishimiya neu an der Schule aufgenommen wird, gerät das Weltbild des Raufboldes Shōya erst so richtig ins Wanken: Shōko und ihre „piepsige Stimme“ passen so gar nicht in das Konzept des Jungen, welcher sichtlich überfordert mit der körperlichen Beinträchtigung des Mädchens zu sein scheint. Und so beginnt er seine Späße zu treiben, welche Shōko immer mehr in eine Spirale von Mobbing und Ausgrenzung geraten lassen bis diese die Schule schließlich verlassen muss. Ehe er sich versieht gerät Shōya jedoch selbst immer mehr ins Fadenkreuz fieser Hänseleien und seine Mitschüler und Lehrer wenden sich zunehmend von ihm ab. Von Selbstvorwürfen geplagt, begibt sich Shōya einige Jahre später auf die Suche nach den Wurzeln seines Elends und sieht sich in der Verantwortung Shōko noch einmal zu begegnen, um deren Leben zum besseren zu wenden. Doch durch das Wiederbeleben alter Freundschaften Shōkos aus der Grundschulzeit nimmt die schicksalshafte Verbindung aus Täter und Opfer ihren unberechenbaren Lauf und stellt die Charaktere vor neue Herausforderungen. 

Künstlerischer Wert

Mobbing ist besonders in Japan ein großes und sehr ernst zunehmendes Thema, betrachtet man die vergleichsweise hohe Suizidrate unter japanischen Schülern. In vielen Animes und Mangas ist dieses Thema zumindest Nebenstrang einer jeden „School-Story“ und wird oftmals aber eher aus der Perspektive der Mobbing-Opfer dargestellt. Dies ist bei A Silent Voice unter der Regie von Naoko Yamada (K-On! – Reihe) überhaupt nicht der Fall, da die Stereotype „Täter und Opfer“ aufgebrochen werden. Der Film erzählt die Geschichte von Ausgrenzung nämlich aus der Perspektive eines von Schuldgefühlen zerissenen Teenagers, der zum Täter und zugleich immer mehr zum Opfer seiner eigenen Gedankenwelt wird. Letztlich wird der junge Shōya sogar zum Symbol für die Niederlagen eines jeden Charakters des Films, von den mobbenden Mitschülern bis zu den Eltern, welche selbst ihre „Päckchen“ mit sich herumtragen. Und genau deshalb schafft es der Film auf eine ganz subtile Weise eine Identifikation mit den Charakteren sowie deren vielschichtigen Gefühlswelten und menschlichen Schwächen aufzubauen. Denn Jeder macht Fehler und manchmal gibt das Leben einem die Chance, diese wieder gut zu machen.

Dramaturgisch bedeutsam für den Film ist besonders die Brücke, welche immer wieder im Film zu sehen ist – mal ist sie Schauplatz eines Suizidversuches oder aber sie wird zum Symbol des Innehaltens und der ehrlichen Konfrontation.  Sie steht daher für Veränderung, Übergang und Überschreiten der Grenzen, denn die wichtigsten Entscheidungen aller Filmcharaktere werden in diesem Film auf einer Brücke dargestellt. Neben Freundschaft wird auch das Thema Liebe im Film angedeutet, wobei hier vieles bezüglich der Hauptcharaktere offen bleibt und manchmal auch zweideutig erscheint. Zuviel soll an dieser Stelle jedoch nicht zum Verlauf der Geschichte, die noch einige Überraschungen bereithält, gesagt werden.

Sehr lobenswert ist vor allem die feinfühlige Umsetzung von Shōko, auch wenn man eine gewisse Ohnmacht gegenüber der schwer einschätzbaren Situation des gehörlosen Mädchens und ihrer geringen Ausdrucksmöglichkeiten verspürt. Die deutsche Synchronisationsstimme Shōkos (gesprochen von Jill Schulz) lässt deren verstörende Stimme stellenweise etwas witzig wirken und besitzt manchmal auch das Potenzial etwas zu sehr auf die Tränendrüse zu drücken. Dadurch lässt es Shōkos Schicksal aber auch sehr realistisch erscheinen. Darüber hinaus spart der Film auch nicht an humorvollen Momenten, welche das vermeintliche Drama auflockern. Maßgeblich für eine insgesamt trotzdem positive Stimmung des Films tragen dazu vor allem die Musik von Kensuke Ushio, der sehr weiche Zeichenstil und die helle Colorierung der Szenen bei, welche an realen Filmlocations orientiert sind. Der Einsatz vieler bildhafter Elemente, welche die Gefühle der Akteure unterstreichen oder einfach für sich sprechen, lassen den Film und seine Thematik nie plump wirken und dem Zuschauer bleibt immer neues zu entdecken.

Da sich der schwermütige Film sehr detailreich mit den zwischenmenschlichen Beziehungen auseinandersetzt, besitzt er aber auch seine Längen (130 Minuten), was die Konzentrationsfähigkeit mit der Zeit etwas strapaziert. Nichts desto trotz schöpft der Film sein Potenzial bezüglich der psychologisch recht anspruchsvollen Thematik vollends aus und macht mit diesem „künstlerischen Denkmal“ neben dem Thema Mobbing zugleich auch auf die Schicksale vieler gehörloser Menschen aufmerksam, welche damit auch mal „gehört werden“.

Was euch auf der Blu-ray erwartet

Den Film könnt ihr euch auf der Blu-ray in Deutsch oder Japanisch (OmU) ansehen, beides liegt in DTS HD MA 5.1 und 1080p vor, also in sehr guter Qualität. Des Weiteren erhält man im Bonusmaterial durch Interviews sehr interessante Einblicke in die Entstehungsgeschichte des Projekts, in (klang)-ästhetischen Gestaltung des Films (inklusiv der nachgeahmten Filmlocations) und zum Charakterdesign sowie zur konzeptionellen Umsetzung der Charaktere. Außerdem könnt ihr euch noch einmal den chilligen Filmsong anhören (Achtung Ohrwurmgefahr!). 

Fazit

Mit atemberaubender Sensibilität und mit viel Tiefgang zeichnet der Film die Themen Mobbing und Gehörlosigkeit nach und ist daher für alle Alterklassen interessant (FSK6). Wer gefühlsbetonte Animefilme wie Your Name, 5 cm per Second oder die sehr erfolgreiche Netflixserie Tote Mädchen lügen nicht – 13 Reasons Why geradezu verschlungen hat, wird an diesen rührenden, aber sehr eigenwilligen Film sicher auch seinen Gefallen finden. Und wer dann immer noch nicht genug hat, kann sich auch noch durch den 7-bändigen Manga (Egmont Verlag) lesen.

Über Nicole 4 Artikel
Kunst ist etwas wunderbares, und Filme, Videospiele und Animes erweitern unser Kunstverständnis des 21. Jahrhunderts ernorm, deswegen sollte man sich auch darüber austauschen. Ich heiße Nicole und liebe und lebe den Idealismus in all seinen Facetten, von träumerischer Illusion bis zur Darstellung der bitteren Realität. Ich mag Horrorfilme, Independent Filme und alles mit und ohne Sinn und Verstand, so wie dieser Beitrag hier.

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