Geek-Pool Cannes Tagebuch erster Eintrag (über kinoreife spanische Seifenopern und Comedy Eröffnung)

Cannes, ein Festival, verschiedene Ansichten. Die einen finden, dass Cannes eine abgehobene Nobelveranstaltung ist, die anderen sehen in Cannes eine Chance. Wiederum andere wünschen sich einmal dabei zu sein, da die Filmfestspiele zu den weltweit wichtigsten gehören.

Ich sehe in Cannes vor allem die Chance, Filme zu sehen, die zwar zu meinen Most Wanteds gehören, aber es nur wenige nach Deutschland schaffen. Vor allem aber ging für mich ein jahrelanger Traum in Erfüllung. Einmal an der Côte d’Azur akkreditiert zu sein, ist, wie immer man es auch sieht, ein unvergessliches Erlebnis.  

Dementsprechend hoch waren die Erwartungen gegenüber der Qualität der Filme. Und bisher driften da Vorstellung und Realität weitgehend auseinander. Denn wenn schon der Eröffnungsfilm enttäuscht, wie gut wird dann der Rest des Wettbewerbs?

Doch erst einmal ein kleiner Kommentar zur Eröffnungsveranstaltung. Eigentlich laufen die immer gleich ab, es wird viel geredet, die Jury wird vorgestellt, ein paar Worte des Festivaldirektors und schon geht es los.

Im Fall von Cannes kommt hier noch das Element des Komikers hinzu. Lustigerweise wurden seine so genannten Späße auch nicht untertitelt, so dass während sich die französischen Kollegen kaputt gelacht haben, der Rest irritiert daneben saß.

Als dann allerdings Cate Blanchett und Co. etwas sagten, hagelte es sofort französische Untertitel. Da wäre es eigentlich aus Fairness gegenüber den anderen nur gerecht gewesen, englische Untertitel miteinzubauen. Schließlich kann man nicht voraussetzen, dass jeder im Saal der französischen Sprache mächtig ist.

Gefühlte 20 Minuten dauerte das ganze Spektakel, bevor es mit dem Eröffnungsfilm los ging.

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Gezeigt wurde Asghars Farhadis neuer Film „Everbody Knows“ mit Penélope Cruz und Javier Bardem in den Hauptrollen. Kein schlechter Deal, zumal Farhadi sein Können mit Filmen wie „Nader und Simin“, „Le passé“ und „The Salesman“ bewiesen hat, dass er dorthin auch gehört. Dieser Film wiederum erwies sich jedoch als Rohrkrepierer und wurde auch von den Zuschauern entsprechend gewürdigt. Ein paar wenige klatschten, der Rest ging einfach kommentarlos aus dem Saal.

Doch was lief schief? Farhadi hat sich wie immer in seinen Filmen auch hier mit sozialen Konflikten und den kulturellen Unterschieden auseinandergesetzt. Diesmal in Spanien.

Die Story ist schnell erzählt. Anlässlich der Hochzeit ihrer Schwester kehrt Laura (Penélope Cruz) zurück in ihr spanisches Heimatdorf. Nichts scheint die ausgelassene Stimmung zu trüben – doch dann gerät das harmonisch wirkende Familiengefüge durch ein unvorhergesehenes Ereignis in der Hochzeitsnacht aus den Fugen…

Klingt zunächst ganz gut, und wer Farhadis Filme kennt, weiß, dass er durchaus in der Lage ist, daraus etwas Spannendes zu inszenieren. Hier allerdings verlässt er sich zu sehr auf sein Können, was dazu führt, dass der Film nichts weiter als eine bessere spanische Seifenoper ist. Er hat auch alle Atribute eines Pilots. Zuerst werden die Charaktere eingeführt, danach passiert etwas und schon folgen Auseinandersetzungen, Geheimnisse werden gelüftet, niemand ist der, der er vorgibt zu sein. Eine Intrige jagt die nächste, Klatsch und Tratsch sind an der Tagesordnung ebenso, wie Skandale wie Vaterschaft, längst vergangene Affären; Liebhaber und Ehemann haben sich pausenlos im Clinch und der Patriarch der Familie stellt seine Interessen über alles. Teilweise fühlt man sich bei der Sichtung von „Everybody Knows“ stark an „Dallas“ erinnert. Die Dialoge sind ebenfalls nur oberflächlich, man redet um des Reden willens und jeder Dialog eskaliert natürlich. Drama über Drama, Beziehungen gehen in die Brüche und am Ende ist ein riesiger Scherbenhaufen übrig, der Potenzial für die nächsten 100 Folgen bietet. 

Alles schön und gut, im Fernsehen mag das auch sicher seine Berechtigung haben. Aber wir sind hier in Cannes. Einem der renommiertesten Festivals der Welt, welches sehr großen Wert auf seine Exklusivität legt mit erlesenen Gästen aus aller Welt. Wenn man da McDonald’s Essen serviert, braucht man sich über missbilligende Blicke, die pure Verachtung zeigen, nicht wundern.

Cannes will die Elite sein, liefert aber Qualität ab, die maximal Durchschnitt ist. Das hätte man bei der Berlinale bringen können, da wäre es nicht sonderlich aufgefallen. Aber nicht hier. Und selbst diese liefert Qualität ab, siehe den diesjährigen Eröffnungsfilm „Isle of Dogs“. Noch dazu läuft der Film im Wettbewerb um die begehrte „Goldene Palme“. Unverständlich, dass man Netflix auslädt, aber dennoch nur besseres Fernsehen präsentiert. 

Ein Film wie dieser hätte auch problemlos beim eben genannten Streamingdienst gezeigt werden können, wenn man bedenkt, welche Filme ansonsten hier laufen und nie eine deutsche Kinoleinwand zu sehen bekommen. „GZSZ“ braucht kein Kinoformat, selbst wenn der Film alles andere als Fernsehen ist, der allerdings von seinen hervorragenden Voraussetzungen keinen Gebrauch macht. Der bisher schwächste Film von Farhadi und vom Festival, wie gesagt: bisher. Wenn der Wettbewerb schon so anfängt, kann es nur noch besser werden.

 

Über Marcel 580 Artikel
Film ist eine Sprache die jeder versteht. Egal ob in serieller Form oder als Animation, Film dient den Menschen als Unterhaltung und begeistert durch seine Vielfältigkeit. Sei es auf den Ebenen der Erzählung, Effekten oder Charakteren. Film ist aber nicht nur eine Sprache, sondern eine Kunstform, ganz gleich in welcher Art und Weise. Das was ich an Film und allgemein an Medien liebe, ist die Vielfältigkeit, die verschiedenen Ebenen insbesondere die Meta Ebenen und in neue Welten einzutauchen. Aber auch Kritik und Lösungsvorschläge filmisch an unserem heutigen System auszuüben und zu zeigen, wie die Welt in der Zukunft aussehen könnte. "Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein".

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