Geek-Pool Cannes Tagebuch Eintrag 8: „Carpernaum“ (Nadine Labaki)

Kindern gehört die Zukunft

Copyright Fares Sokhon

Was sind Kinder? Welche Bedeutung sollten ihn bemessen werden? Ist es richtig oder falsch Kinder zu haben, wenn man sich nicht um sie kümmern kann?

Cannes setzt sich erneut wie auch in den anderen Filmen des Wettbewerbs mit sozialen Problemen auseinander, die im Grunde jeden betreffen. In Nadine Labakis Film „Capernaum“ geht es um Kinder. Wie sie aufwachsen, was sie machen, wenn sie Teil einer mehrköpfigen Familie sind, die wiederum kaum Geld aufbringen können, um eines zu ernähren. So muss der 12-jährige Zain arbeiten gehen, um seiner Familie zu helfen genügend Geld fürs Überleben aufzubringen. Sein Vater liegt derweil gelangweilt auf der Couch, während die Mutter mit Zains Geschwistern völlig überfordert ist. Aus der Not heraus gibt sie sogar eins weg, Zains Schwester, an dessen Arbeitgeber, im jugendlichen Alter, allerdings noch nicht volljährig. Der ist sogar so dreist und verheiratet sie sogar. Irgendwann wird das Zain zu viel, er sucht sein eigenes Glück, lässt die Familie hinter sich und schafft es überraschenderweise sogar zu überleben, lange genug hat er ja die Familie durchgebracht, was es für ihn nicht zum Problem macht, sich nur um sich selbst zu kümmern. Doch als er von einer allein erziehenden Mutter aufgenommen wird, die kaum genügend Zeit und Geld hat und überraschenderweise auch eines Tages verschwindet und nicht wieder auftaucht, ist Zain gezwungen ihren Job zu übernehmen, den er auch meistert.

Es ist erschreckend zu sehen, wie dem Jungen die Kindheit geraubt wird. Viel mit Spielen ist das nicht, er muss überleben, sonst verhungert er. Die Geschichte, die Labaki erzählt, ist zwar fiktional, könnte aber auch gut aus dem echten Leben sein. Er ist packend, überzeugend realistisch und gewinnt gerade durch den charismatischen Hauptdarsteller an Sympathie. Man fühlt die ganze Zeit mit ihm mit, versucht sich in seine Lage zu versetzen, obwohl das für einen Außenstehenden schier unmöglich ist. Ein Film, der die brutale Wirklichkeit von Kindern aus ärmlichen Verhältnissen zeigt. Und der Mutter reichen diese Kinder noch nicht. Nach einen unvorhersehbaren Ereignis konfrontiert sie ihren 12 jährigen Sohn damit, dass sie schwanger ist und bald Nachwuchs erhält. Das ist dann eindeutig zuviel für ihn. Er wendet sich ans Gericht und verklagt seine Eltern dafür, dass sie ihm das Leben geschenkt haben. Da diese sich aus verschiedenen Gründen wie Geld und Platzmangel nicht ausreichend um ihn kümmern können, damit er was davon hat. Die Geschichte spitzt sich von Minute zu Minute zu. Man wird mehr in das Geschehen involviert, als einem eigentlich lieb ist. Und doch fasziniert er, berührt und entwickelt sich zu einer sehr spannenden, emotionalen Achterbahnfahrt. Nadine Labaki zeigt die Missständnisse in der Welt, ohne zu urteilen. Sie lässt ihre berührende Geschichte für sich sprechen, versetzt sich sowohl in den Protagonisten als auch die Nebencharaktere. Warum sie so handeln, dass sie in manchen Situationen aus ihrer Sicht gesehen, gar keine andere Wahl haben. 

Das Urteil überlässt sie dem Zuschauer. Sie lässt ihn zurück, nachdenklich mit einer erfüllten Leere. Ein Loch, dass man nicht so einfach schließen kann, ein Film, der selbst Wochen nach der Sichtung nachhallt. Man will am liebsten dorthin runterfahren und den Menschen helfen, allerdings wenn man sich nicht mal selbst helfen kann, wie soll dass dann bei anderen gehen? Uns geht es schlecht, sagen viele, aber wenn man genau hinsieht, sind wir reicher als man denkt… Nicht weil man uns das Leben geschenkt hat, sondern weil wir auch eine realistische Chance haben, aus diesem was zu machen. Wir müssen uns nicht Gedanken darum machen, am nächsten Tag keine Lebensmittel mehr zu haben, für uns ist das zur Selbstverständlichkeit geworden und wenn uns der Sprit ausgeht, gibt es immer noch Mütterchen Staat, der uns unter die Arme greift. Wieso also beklagen, wenn man so viele Chancen hat, das richtige zu tun. Chancen um die diese Kinder tagtäglich kämpfen müssen. Wer aufgibt, stirbt. Das ist die grausame Wahrheit und wenn wir uns die mal vor Augen halten, ist jeder Tag ein Geschenk, das wir achtlos wegwerfen. Nach dieser Sichtung sollte uns klar werden, dass wir zwar schauen, aber nicht sehen. Filme können soviel mehr sein, als bloße austauschbare,vergessenswerte Unterhaltung. Und erst wenn wir das begreifen, sind wir auf dem richtigen Weg. Wenn wir anfangen über den Tellerrand hinauszuschauen.

Über Marcel 533 Artikel
Film ist eine Sprache die jeder versteht. Egal ob in serieller Form oder als Animation, Film dient den Menschen als Unterhaltung und begeistert durch seine Vielfältigkeit. Sei es auf den Ebenen der Erzählung, Effekten oder Charakteren. Film ist aber nicht nur eine Sprache, sondern eine Kunstform, ganz gleich in welcher Art und Weise. Das was ich an Film und allgemein an Medien liebe, ist die Vielfältigkeit, die verschiedenen Ebenen insbesondere die Meta Ebenen und in neue Welten einzutauchen. Aber auch Kritik und Lösungsvorschläge filmisch an unserem heutigen System auszuüben und zu zeigen, wie die Welt in der Zukunft aussehen könnte. "Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein".

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