Kritik: Notwehr

Handschellen, Liebling!

© Netflix

Eine weiterhin traurige Feststellung ist, dass das Kino keinen John Woo mehr braucht. Nach seinem Hongkong-Abschiedsbonbon „Hard Boiled“ (Füllung: explosiv) und ein, zwei amerikanischen Achtungserfolgen („Harte Ziele“, „Im Körper des Feindes“) sackte Woo ähnlich schwerfällig zu Boden wie jene zugeschossenen Körper, denen er ein Mausoleum baute. Ehemals Maestro selbstzerstörerischer Todesballette, verklammert Woo in „Notwehr“ (von Netflix abgenickt) gelangweiltes Inventarausräumen mit dem letzten psychedelischen Flackern – ein Aufbäumen, ein finales Aufbäumen, glorreich zu scheitern. Tatsächlich existiert eine Unmenge an Filmen, die faszinierend scheitern, weil deren Brüche unendlich mehr preisgeben, als die glattesten Makellosen unter ihnen. „Notwehr“ gehört nicht dazu. Die „Lust“ ist Woo lange abhandengekommen. Die Zeit hat Woo überlebt, aber auch gezeichnet. Obwohl der Filmemacher in „Notwehr“ den Glanz und die Glorie jüngerer Jahre zu konservieren gedenkt, meistert der Film gerade nicht den Sprung über einen selbstironischen Ermüdungschwitzkasten hinaus. Höchstens, mit zugedrücktem Auge, erwacht Woo pünktlich zum Showdown in einem Supersoldatenlabor, in dem allerhand Glas zu Bruch geht und die Funken auseinanderstieben. Bis dahin wartet der Zuschauer geschlagene 90 Minuten. In diesen 90 Minuten ist „Notwehr“ derart mit Überlagerungsfetisch beladen, dass Erzähllästigkeit entsteht.

Woo erzählt die ausgelatschte verschwörungswissenschaftliche Geschichte eines Anwalts (Hanyu Zhang), der neben einer Leiche erwacht und auf der Flucht fortan seine Unschuld zu beweisen versucht. Unfreiwillig zur Seite steht ihm ein auf Kindergeiseln spezialisierter Superbulle (Masaharu Fukuyama), der den Chow-Yun-Fat-Gedächtnispreis sicher haben dürfte. Während der Ermittlung wird er dabei von einer nicht ganz sichtbar verliebten Assistentin (Nanami Sakuraba) und einer ganz sichtbar verliebten Profikillerin (Ji-won Ha) behindert. Wo ein sinnlicher, sakraler, überlebenswichtig aufgeheizter Romantizismus unverzichtbarer Bestandteil der Filmgrammatik Woos war, wenn sich Weltlichkeit und Religiosität vor dem Beginn eines historischen Gladiatorenkampfes konzentrierten, gerät in diesem Film die Liebe (zur Waffe, zum Augenblick) vor allem zum spießig-niedlichen, verkrampften Flirt unter Kollegen. Der Zeitgeist verlangt es, dass Woo seinem Helden zusätzlich ein Trauma andichten muss. Die Kunstfigur, die Chow Yun-Fat einst etablierte – abgeklärt, abgezockt, abgehärtet – darf nicht mehr nur schießen und prügeln und sich einem Befreiungspathos fügen, sondern muss die Tendenz zum Sinn aufweisen. Die Skelettierung ästhetischer zeremonieller Embleme fordert auch an anderer Stelle ihren Tribut: Eine Taube behindert das Schussfeld und ermöglicht damit ein groteskes Ausweichmanöver. Die Parodie parodiert sich selbst.

Impulsive Schnitte sind hierbei ein Zugeständnis an den postmodernen Actionfilm, der, die eigene Körperlichkeit verratend, ohnehin Gegenteiliges bewirkt und fast weich, aufgeweicht sich an den Standards adoleszent verkulteten Großmaulkinos orientiert. Die Physis der im Kugelhagel Tanzenden, Geschwindigkeitsdehnungen und wirbelnde Körper – in „Notwehr“ ist Woo nicht imstande, eine einzige lebhafte Actionsequenz außerhalb des Finales unter Einbeziehung einer geschickten, traumtänzerischen Montage zu entfesseln. Das hat keinen Druck, Drang mehr, keine Kinetik, ist mehr denn je altersmüde Fassadenzerstückelung, bei der das Material aus Gummi besteht. Ungewohnt für Woo-Verhältnisse, zeigt sich, als Austausch dessen, vielmehr narratives Brachland, das von Unschuld zu Mord zu Medikamentenmissbrauch zu Frankensteins Monster allgewaltig zur Breite tendiert, so dass es nicht mehr allein dem nichtkontrollierbaren Superbullen gelingen kann, die Spannung zu lösen. Er muss sich mit dem Verdächtigen arrangieren, dem Feind, der Freund, Mensch, allerbester Freund wird. Die Brüderlichkeit ungleicher, in einander widersprechenden moralischen Überzeugungen wurzelnden, sozialen Außenseitern ist ein John-Woo-Motiv. Jetzt jedoch karikiert Woo das Gefühl beiderseitiger leidenschaftlicher Abhängigkeit insoweit, dass das Weltgewicht, das in den John-Woo-Klassikern einst über den gelähmten Blick Poesie freisetzte, auf Handschellen ohne Schlüssel liegt. Symbolisch.

Über Timo Kießling 32 Artikel
Der künstliche Graben zwischen vermeintlicher Hochkultur und vermeintlicher Trivialkultur existiert für mich nicht. Beides weiß, uns etwas über die Zeit zu sagen, in der wir leben. Deshalb interessiere ich mich für jegliche Sparten visuellen Geschichtenerzählens, besonders für die, in denen Bilder "Eruptionen, Zerwürfnisse und Chancen zwischenmenschlicher, lebensweltlicher Prozesse" metaphysisch einrahmen. Das Kino Michelangelo Antonionis, David Lynchs und Christian Petzolds inspiriert mich immer wieder. Ich schreibe über Filme, um mich an diese zu erinnern und um ein paar spannende Perspektiven auszugraben, die ich gern weiterverschenken möchte. Filmkritik ist Archäologie.

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