Kritik: Cargo

Der junge Mann und das Kind

© Netflix

Unter sämtlichen mediokren Netflix-Eigenproduktionen stachen zuletzt zwei Filme heraus, die eine künstlerisch gewagtere „Eigenständigkeit“ gegenüber einem sonst fabrikmäßig bearbeiteten und sich nach George A. Romero redundant auf die Schulter abklopfendem Genre bewiesen. Wo „Hungrig“ eine Gruppe zufällig vermischter, spleeniger Überlebender zeigte, die Landstriche, bestehend aus abseitigen Wäldern und Wiesen, durchstreifen, um sich vor einer Horde Zombies zu schützen, die Stühle auftürmen und sich davor innig finden, abstrahieren Yolanda Ramke und Ben Howling in „Cargo“ eine vergleichbare Ausgangsprämisse willentlich zu einem familiären Fatalismus im australischen Outback. „Hungrig“ war, aller enigmatischen Entschleunigung zum Trotz, vor allem ein Genrevertreter, der auf Genrevertreter verwies; der Film zelebrierte nicht nur postmodernen Schlächterwitz, sondern gefiel sich in dieser Rolle, flintenschwingend cool und karikaturesk, oft maßstabsgetreu, selten menschlich zu sein. Ramke und Howling hingegen interessieren sich für jene, die zwar überlebt haben, aber paradoxerweise nicht überleben werden. Der menschliche Spannungsreichtum in „Cargo“ – angesichts eines unwirtlich geöffneten Raums – ist mickrig, schmächtig. Kein triumphaler Rausch treibt die Figuren an. Ihre Leidenschaften wurden trockengereinigt und entwertet in einer sandigen Zeit: „alles älter als Mensch und voller Geheimnis.“

Diese aus Cormac McCarthys Meisterwerk „Die Straße“ zitierte letzte Zeile passt zu „Cargo“. Hier wie dort ist das Band stark, das zwischen einem Vater und seinem Kind eine Verbundenheit existenzieller Unbedingtheit und damit einen Rückzugsort ausdrücklicher Empfindung repräsentiert. Hier wie dort ist das Kind weit mehr als ein Kind. Es ist Metapher und Symbol, ein Fanal am Firmament, das Hoffnung verspricht oder, mindestens, andeutet. In „Cargo“ heißt dieses Kind Rosie (Lily Anne McPherson-Dobbins, Marlee Jane McPherson-Dobbins), dessen Vater heißt Andy (Martin Freeman). Andy trägt Rosie beherzt im Rucksack, und währenddessen gedeihen die kleinen Wunder in der Beziehung beider, im Liebesplausch, im Vertrösten (mit Parfum), im Spiel und im Spaß. Die Situation, in der sie sich befinden, ist todernst: Rosie hat ihre Mutter (Susie Porter) verloren und Andy, letzter Verbliebener eines entzweigerissenen Familientorsos, hat nach einer Bisswunde 48 Stunden Zeit, seinem Kind eine Überlebenschance einzuräumen, ehe auch er sich „verwandelt“ – in ein Ding schleimigen, verwesenden Schlurfens. Was „Cargo“ auszeichnet, ist demzufolge die Perspektive, wie ein existenzialistisches Vorwärts ausschließlich unter der Empathie reziproken Nutzens gelingen kann. Die „Zombies“ (oder „Infizierte“) müssen dabei Fragmente sein, und sie sind folglich unberechenbare Kreaturen, Versuchsgegenstände, an denen sich menschliches Verhalten ableitet.

„Cargo“ gesellt sich insofern zu der Riege an Zombie- und Infiziertenfilmen, die zugleich soziologische Analyse sind, weil sich dessen Figuren an der Peripherie des Ausdrucks und Austauschs bewegen. Denn wo, wenn nicht in der Landschaft Australiens, verlieren sich Norm- und Moralsysteme in der Unendlichkeit der Weite, wenn nicht in Australien? Ramke und Howling entpolitisieren ein verwaistes Land und eine öde Westernwüstensiedlung, zurückgeworfen auf Träume und Hochstimmungen naturarchaischer Klischees. Die Menschen bilden zwei Gruppen, eine mit Infiziertenarmband, eine ohne. Daraus schöpft der Film seine Eindringlichkeit – in der suizidalen Entscheidung, bevor das Grab höchstselbst ausgehoben wird. Mag die Kausalkette der Protagonisten fast konstruiert mit der verhängnisvollen Suche nach einem Rasierer (!) unvermeidlich auf ihr Schicksal zusteuern, so verlieren die Regisseure zu keiner Zeit Andys Odyssee über Stationen unweit des Flusses aus dem Auge, Stationen wie ein Krankenhaus und eine Militärbasis, die allesamt von Zersetzung und Auszehrung, von einer Melancholie der Vereinzelung, künden. Wenn Andy Vic (Anthony Hayes), einem Jäger und Sadisten, begegnet, entwickelt sich der Film für kurze Momente zu einem reißerischen und grob kapitalismuskritischen Thriller. Eine Entwicklung, die „Cargo“ gar nicht nötig gehabt hätte, weil sich der Thrill gerade in der Anteilnahme entzündet.                 

Über Timo Kießling 31 Artikel
Der künstliche Graben zwischen vermeintlicher Hochkultur und vermeintlicher Trivialkultur existiert für mich nicht. Beides weiß, uns etwas über die Zeit zu sagen, in der wir leben. Deshalb interessiere ich mich für jegliche Sparten visuellen Geschichtenerzählens, besonders für die, in denen Bilder "Eruptionen, Zerwürfnisse und Chancen zwischenmenschlicher, lebensweltlicher Prozesse" metaphysisch einrahmen. Das Kino Michelangelo Antonionis, David Lynchs und Christian Petzolds inspiriert mich immer wieder. Ich schreibe über Filme, um mich an diese zu erinnern und um ein paar spannende Perspektiven auszugraben, die ich gern weiterverschenken möchte. Filmkritik ist Archäologie.

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