„First Love“ Interviews mit Jonathan Cohen Berry und Anthony Jorge

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Reichen 10 Minuten pro Folge, damit sich eine Serie entwickeln kann? Die Firma Blackpills hat da ihr ganz eigenes Format entwickelt, was ziemlich interessant ist und überraschenderweise auch bisher sehr gelungene Serien produzierte.

Unter anderem waren sie auch mit neuen Projekten auf dem Festival Series Mania zugegen, die auch wir dieses Jahr besucht haben. Ein Projekt davon heißt „First Love“ und ist seit heute auf dem Streaminingdienst verfügbar. Sie besteht aus 10 Folgen á 10 Minuten. Ich hatte in diesem Zusammenhang die Gelegenheit mit den Regisseuren Jonathan Cohen Berry und Anthony Jorge über dieses recht ambitionierte Projekt zu sprechen.

Interview: Marcel Flock

Aber worum geht es eigentlich in „First Love“?

„First Love“ ist eine Tabu-Liebesgeschichte zwischen dem 12-jährigen Mercedes und dem 17-jährigen Zach. Die Serie beginnt am eigentlichen Ende ihrer Geschichte, mit Zach vor Gericht. Dies ist der Ausgangspunkt für die Einblicke in Schlüsselmomenten ihrer Beziehung.Immer wenn Beweise vorgelegt werden, erlaubt uns die Serie selbst zu urteilen: wahre Liebe oder abscheuliches Verbrechen?

Geek-Pool: Anthony und Jonathan, schön euch zu sehen. First Love ist eine sehr spezielle Serie, weil ich beispielsweise noch nicht viele Serien gesehen habe, die pro Episode nur 10 Minuten lang sind. Wie kamt ihr zu der Idee oder hattet ihr einfach nicht genügend Material für 20 Minuten Episoden?

Jonathan Cohen Berry: Nein, es hat mit der Plattform bzw ist das Konzept der Plattform Blackpills, die diese Art Serien produzieren. Deren Absicht ist es Serien nur in diesem Format zu produzieren, da diese für das streamen auf dem Handy oder anderen mobilen Geräten ausgelegt sind. Das 10 Minuten pro 10 Folgen Modell ist etwas, was zurzeit sehr angesagt ist, sodass, denke ich, mehr Serien in diesem Format in Aussicht sind.

Sozusagen war es nicht unsere Absicht, sondern ein bestehendes Konzept der Plattform.

Geek-Pool: Und war es für euch schwierig, diese Geschichte in diesem ungewöhnlichen Format zu erzählen?

Jonathan Cohen Berry: Es war etwas schwierig, weil es ein Format ist, was man nicht so häufig sieht. Somit hatten wir keinen Bezug zu Serien dieser Art, da es dieses auch erst seit 2 Jahren gibt, sozusagen also sehr neu ist. Aber da wir aus der Musikvideobranche kommen, und schon an ähnlichen Projekten, wo wir Geschichten in kurzen Momenten erzählen müssen, gearbeitet haben, war es ein guter Übergang. So konnten wir unsere bereits gesammelte Erfahrung mit in den Prozess einbringen.

Anthony Jorge : Und es ist wirklich aufregend etwas neues auszuprobieren, eine neue Art und Weise eine Geschichte zu erzählen

Geek-Pool: Für mich zwar es auch eine völlig neue Erfahrung. Zwar konnte ich bisher nur zwei Episoden sehen, die aber wurden sehr dicht und intensiv erzählt. War es schwierig für euch all die handelten Personen in so kurzer Zeit einzuführen bzw. ihnen genügend Screentime zu geben?

Jonathan Cohen Berry: Wie schon gesagt beträgt die Gesamtlaufzeit der Serie 1 Stunde und 40 Minuten die Art wie wir sie gedreht haben war die selbe als wie wenn wir einen Film drehen würden. Es ist nicht wie bei einer herkömmlichen Serie, wo jede Episode neu gedreht wird. Wir haben alle 10 Folgen am Stück gedreht und erst im Anschluss aufgeteilt.

Geek-Pool: Okay, die Geschichte ist eher speziell, die Liebe zwischen einem 17 und einer 12 jährigen, sodass man von Anfang an das Gefühl hatte, dass dies kein gutes Ende nimmt. Wie seid ihr auf die Idee gekommen, eine solche Geschichte zu erzählen oder war das die Idee vom Showrunner?

Jonathan: Die Schöpferin hat online Teenager kennengelernt, die diese Pädophilie Problem/Krankheit hatten, welche sich hingezogen zu jungen Mädchen/ Kindern fühlten. Und sie hat angefangen sich mit dieser Thematik zu beschäftigen, von der wir vorher nichts wussten. Wenn wir an Pädophilie denken, stellen wir uns einen alten Mann vor, der sich zu jungen Mädels hingezogen fühlt, keinen Teenager mit 17 Jahren.

Geek-Pool: Genau dasselbe habe ich mir auch gedacht, als ich die Inhaltsangabe las.

Jonathan Cohen Berry: Wir dachten halt auch, dass das erst später zur Geltung kommt. Und sie wollte halt dieses Thema filmisch umsetzen, wo wir uns dachten, dass wäre ein interessanter Ansatz, insbesondere weil wir wie gesagt selber keine Ahnung vom Thema hatten. So wollten wir dem Zuschauer diese Geschichte in einer Art und Weise rüberbringen, dass man auch den innerlichen Kampf des Jungen spürt, der unsicher ist, was er fühlt. Alles um ihn herum ist durcheinander, er weiß nicht mehr was richtig oder falsch ist, ob er zu seinen Gefühlen stehen soll oder nicht. Das war für uns von größtem Interesse. Der Kampf des Jungen mit sich selbst.

Geek-Pool: Genau das war es auch, was es für mich schwierig machte, eine Verbindung zu diesem Charakter aufzubauen, weil ich selber nicht wusste, auf wessen Seite ich bin und warum. Einerseits sah es so aus, als würden sie sich lieben, andererseits war da das Gericht…

Jonathan Cohen Berry: Genau dieses Gefühl wollten wir dem Zuschauer vermitteln. Wir wollten keine gewöhnliche Schwarz/ Weiß, Gut oder Böse Sichtweise. Wir wollten dieses Gleichgewicht aufrecht halten, sodass du manchmal denkst, sie sind verliebt, andererseits aber auch sagst, das ist nicht richtig, das darf so nicht geschehen. Und diese Balance wollten wir bis zum Ende aufrecht erhalten, sodass du dir dein eigenes Bild von Geschehen machen kannst. Sozusagen urteilen wir selbst nicht darüber, ob es gut oder schlecht ist, das überlassen wir dem Zuschauer.

Geek-Pool: Was auch noch sehr interessant war, ist das jede Episode an die andere anschließt, wie ein Puzzle, bei dem kein Teil für sich stehen kann. So sahen wir in der ersten Episode den Gerichtssaal, wo man sich zuerst fragt: „Was geht hier vor?“ und das geht dann immer so weiter. Wolltet ihr das auch so beim Zuschauer erzeugen? Eine Jagd nach dem nächsten Puzzleteil?

Jonathan Cohen Berry: Ja und wir fanden in diesem Format von 10 Minuten, ist es wirklich sehr effektiv Flashbacks einzusetzen. So folgst du dem Prozess entlang des roten Fadens der 10 Episoden und dann in einer Rückblende direkt zu den Schlüsselmomenten zurückzugehen, die wichtig für die Geschichte sind. Für uns war es sehr interessant, trotz der wenigen Zeit, den Fokus auf diese Schlüsselmomente zu lenken, durch die Interviews im Gerichtssaal.

Anthony: Und es ist auch etwas, dass wir immer gerne die Geschichten nicht linear erzählen, sondern uns nur auf die emotionalen Aspekte konzentrieren. Wir mögen die Art und Weise, die uns durch diesen Prozess gegeben wird, weil wir uns dadurch auf die sehr emotionalen Momente und nicht nur auf die lineare Handlung konzentrieren können. Das haben wir auch in den Musikvideos schon gemocht, also haben wir es in der Serie nochmal versucht.

Geek-Pool: Ja, ich dachte nach der Sichtung der ersten Episode, dass es eher den Weg einer Kurzgeschichte geht, da dieser unmittelbare Einstieg dafür sehr typisch ist. Die machte es mir wiederum anfangs sehr schwer der Handlung zu folgen. War das eure Absicht das Ganze dadurch interessanter/ spannender zu gestalten?

Jonathan: Ja, aber das hängt auch mit der Plattform zusammen, weil du in einer kurzen Zeit die Zuschauer direkt in die Geschichte einführst. Normalerweise im Kino führst du deine Figuren ein, lässt dir dabei Zeit und kannst dann die Geschichte aufbauen. Hierbei jedoch war es wichtig, dass wir direkt ins Geschehen einsteigen, sodass du sofort mit den Charakteren konfrontiert wirst, dich mit ihm vertraut machst und danach dann anfängst die Geschichte Stück für Stück zu erzählen. Aber es war sehr wichtig für uns, einen wirkungsvollen Anfang zu inzenieren, um die Zuschauer in das Geschehen einzubeziehen

Geek-Pool: Ich denke auch, dass viele Zuschauer zuerst irritiert sein werden, weil die Charaktere nicht richtig eingeführt werden sowie es normalerweise gemacht wird.

Anthony: Es ist richtig diese Frage zu stellen, eigentlich begann es damit als ich zum ersten Mal eine Serie in diesem Format 10 Folgen, 10 Minuten geschaut hab und versentlich mit der letzten anfing und das für mich ein „Wow was geht denn hier ab?!“ Es war wie eine Explosion von vielen aufeinandertreffenden Dingen. Ich wollte unbedingt mehr sehen, wissen, wie es weitergeht. Am Ende hat sich herausgestellt, dass es ein Fehler der Plattform war und ich mit den letzten Episoden angefangen hab, statt den Ersten. Aber ich dachte mir, was wäre, wenn wir unsere Serie in dieser Form umsetzen, also mit dem Schluss anfangen und die Geschichte dann immer weiter aufbauen. Klar bekommst du am Anfang erst mal nichts mit außer den wichtigen Dingen natürlich. Und dann wiederum kannst du anfangen den Zuschauern zu erklären, was da wirklich vor sich geht, also haben wir es auf diesem Weg versucht.

Jonathan: Außerdem gibt es das Format nicht her, dass du dich irgendwo lange Zeit aufhältst, sodass wir direkt starten und dann anfangen die einzelnen Charaktere näher zu beleuchten und den Gerichtssaal. Nach vier Minuten bist du dann schon im Gerichtssaal und kannst sehen, wer diese Menschen eigentlich sind.

Anthony: Es ist immer schön überrascht zu werden, selbst wenn du überhaupt nichts verstehst, aber nach und nach bringen wir dann Licht ins Dunkel.

Geek-Pool: Okay und habt ihr schon mit dem Gedanken gespielt, die Geschichte in einer weiteren Staffel fortzuführen?

Jonathan: Ja, diese Idee steht bereits zur Debatte, allerdings einen richtigen Plan gibt es noch nicht. 

Wir bedanken uns bei Laura von Blackpills, die dieses Interview erst möglich gemacht hat und auch bei Anthony Jorge und Jonathan Cohen Berry, dass sie sich die Zeit für uns genommen. 

„First Love“ ist seit dem 26 Juni.2018 auf Blackpills verfügbar. Mehr Infos zur kostenlosen App und wo ihr sie bekommt, gibt es hier: https://www.blackpills.com/

Über Marcel 577 Artikel
Film ist eine Sprache die jeder versteht. Egal ob in serieller Form oder als Animation, Film dient den Menschen als Unterhaltung und begeistert durch seine Vielfältigkeit. Sei es auf den Ebenen der Erzählung, Effekten oder Charakteren. Film ist aber nicht nur eine Sprache, sondern eine Kunstform, ganz gleich in welcher Art und Weise. Das was ich an Film und allgemein an Medien liebe, ist die Vielfältigkeit, die verschiedenen Ebenen insbesondere die Meta Ebenen und in neue Welten einzutauchen. Aber auch Kritik und Lösungsvorschläge filmisch an unserem heutigen System auszuüben und zu zeigen, wie die Welt in der Zukunft aussehen könnte. "Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein".

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