Kritik: Die Jungfrauenquelle

Spirituelle Vergeltung

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Wer sich an Wes Cravens Erstlingswerk „Das letzte Haus links“ (1972) erinnert, erinnert sich an eine latent märchenhafte Vorstadtidylle, die in Ingmar Bergmans „Die Jungfrauenquelle“, zwölf Jahre früher, ein theologisch erstarrtes Zwangssystem verkörpert. Craven nahm in seinem einst unerhört brutalen und im Zuge dessen hochpolitischen Exploitationfilm Bezug auf Bergmans an den Rändern magisch durchwalteten Klassiker. In beiden Filmen zertrümmern die Filmemacher romantische Vorstellungsillusionen von Familie und Heiligkeit, während der Unschuld und dem Märchen in Wahrheit Schmutz und Abscheulichkeit anhaften. Die Widerlegung des Paradieses resultiert allerdings aus deren rudimentärer Verherrlichung – die Kinder (Birgitta Pettersson in Gestalt eines strohblonden Engels) werden in eine „symbolische Ordnung“ (Jacques Lacan) religiöser Normen hineingezwängt. Bergmans Film spielt, als der letzte des schwedischen Meisterregisseurs nach „Das siebente Siegel“ (1957), im Mittelalter, wo die innerfamiliären Aufgaben unmissverständlich klar verteilt sind. Unter den besorgten Augen der Mutter Märeta (Birgitta Valberg) und den schalkhaft blitzenden und blinzelnden Augen des Vaters Töre (Max von Sydow) bestimmt Gott ein Leben in Hingabe und Besonnenheit. Die frostige Frömmigkeit, die vielen Filmen Bergmans inhärent ist, erleuchtet in „Die Jungfrauenquelle“ einen Widerschein zwischen Neugier und Unterordnung.

Die alte Legende will es jedoch, dass das (weltliche) Unglück auf leisen Sohlen herangeschlichen kommt. Um Kerzen zur Kirche zu bringen, müssen der Engel Karin (Pettersson) und ihre, dem Gegenteil gemäß: dunkelhaarige, Adoptivschwester Ingeri (Gunnel Lindblom) die umliegende Landschaft und schließlich den Wald durchqueren. Mit den nachfolgenden Ereignissen fragt Bergman nach dem Leiden des Seins – dem Leiden im Angesichts des von Gott gewollten Guten. Karin wird von zwei Ziegenhirten (Axel Düberg, Tor Isedal) vergewaltigt und getötet. Diese sparsam-effektive Sequenz inmitten sinisteren Gestrüpps wie grobgehauener Steine, übertrifft selbst heute gängige und weit direktere Darstellungen filmischer Gewalt. Die Natur, mehrdeutig gemeint, und Karin verhalten sich zueinander antithetisch. Auf das rau abgeschabte Leben in der Wildnis, einer in ihrer Summe hochgradig überlebensdurchwirkten, entwässerten Vereinsamung, wurde Karin nicht vorbereitet. Ihr „poröses Selbst“ (Charles Taylor) – Naivität, Hörigkeit, Geisterbewusstsein – meint philanthropische Freundlichkeit in den Wegelagerern zu erkennen, denen sie begegnet, ein Spiel, ein Scherz allen voran. Ihre dunklen Absichten erkennt Karin nicht. Beschirmt und bescheint von elterlicher Gewissenszuweisung, kann Gott ihr in ihrer Blindheit nicht helfen. Obwohl Bergman sein Wort an Gott richtet, ihn befragt und hinterfragt, hinterfragt er nicht alleinig dessen Moral.      

Das unterscheidet „Die Jungfrauenquelle“ von „Das letzte Haus links“. Bergman verhandelt existenziellere Seinsbefindlichkeiten gegenüber Werten, die (auch) an einen Kontext gebunden sind und dementsprechend sprunghaft sich ändern. Die Werteordnung der Familie, wie sie uns Bergman vorgestellt hat, gerät ins Wanken – die Familie macht zufällige Bekanntschaft mit jenen drei Vagabunden, einschließlich einem kleinen Jungen (Ove Porath), dem die Zärtlichkeit ins Gesicht geschrieben steht. Das Geheimnis der drei Besucher fliegt auf, und Bergman zeigt auf, dass die Bedürfnisse der Empfindungen nicht von den Bedingungen Gottes aufgefangen werden können. Die Bilder, die der Filmemacher im Vorfeld der Rache dafür findet, sind diabolisch: die letzte Reinigung, die Baumfällung, die Selbstkasteiung, ein unerschrockener Blick, das Messer in den Tisch gestoßen. Auch wenn Vater Töre den Geboten Gottes untersteht, ist sein Bemühen der Heilsversprechung und Vervollkommnung ein schmaler Ast, der dann bricht, wenn die Rache ihn zum Menschen macht, zu einem des Zorns, der Wut, der Affekte. „Die Jungfrauenquelle“ erweist sich als ein Film der Disparität, bei dem das Leben und Leiden, immer wieder, seit jeher, das Lieben durchbricht. Dahingehend ist Bergman ganz der Psychologe, der die „Grenzerfahrungen“ (Karl Jaspers) des Menschen betastet, die schweren wie die magischen, die absehbaren wie die unverhofften.          

Heute wäre Ingmar Bergman 100 Jahre alt geworden.   

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