Kritik: Neo Rauch – Gefährten und Begleiter

Malen ohne Zahlen

© Weltkino Filmverleih GmbH

Sie alle wollen seine Werke verstehen, die sie, mit Vorliebe, im Schlafzimmer aufgehängt haben. Sie stehen vor ihnen, versuchen das Träumen (mit offenen Augen) zu systematisieren, die Balance zwischen Mystizismus und Intimität zu artikulieren. Sie kapitulieren. Zu viele Details, „Szenarien“. Einfach das Ganze betrachten. In „Neo Rauch – Gefährten und Begleiter“ besucht die Dokumentarfilmerin Nicola Graef eine Reihe von Sammlern über den Erdball verteilt, die uns ihre fleißig zusammengetragenen Neo Rauchs offenbaren. Glücklicherweise verliert Graefs szenische Künstlerlithografie nicht derart viele Worte, wie sie diese Sammler verlieren – oder ein, zwei, drei, vier, fünf Museumsgäste, die sich förmlich abrackern vor jenen Interpretationsfragezeichen, bei denen lediglich der Künstler aushelfen könne. Die Bewunderer – eben die „Gefährten und Begleiter“ – Neo Rauchs lassen sich nicht auf sein Werk ein, weil sie es ersticken. Den Gegenpol bildet der Maler selber. Zu Beginn schleppt Rauch eine überdimensionale Leinwand zum Ort des Geschehens, des Malens. Rauch hat Schwierigkeiten. Das Alter, das Gewicht, der Körper, kein Assistent in Sicht. Der Maler kämpft gegen sein Werkzeug, aber auch – selbstreflexiv – gegen sich. Neo Rauch präsentiert sich uns als ungeborenes Kind, das von der fragilen Kunst umarmt, geborgen werden möchte. Deshalb flüchtet er sich in die Arbeit, versinkt, trägt die Last von Gut und Böse im Gleichgewicht.

Eigentlich müsste das Malen Rauchs Anweisungen mit Ausrufezeichen provozieren. Eine Anweisung wie: „Action!“ Die vollgeschmierten Handschuhe gehören schließlich zu seinem Inventar, ebenso die vollgekleckerte Hose und die verschmierten Farbtöpfe. Es herrscht nichtsdestotrotz ein unterkühltes Verhältnis zwischen den spielerischen, eklektischen Manierismen auf der Leinwand und dem ausgebremsten, meditativen Schlafwandler, den der Künstler verkörpert, vor ihr. Zum Reden ist Rauch ohnehin nicht aufgelegt, und wenn er etwas preisgibt, dann schrauben sich die Wörter, nach denen er sucht, aus einer viel zu kleinen Öffnung heraus. Über Familiäres will er gar nicht oder nur widerwillig sprechen. Graef beobachtet ihn gebührend hypnotisch – die halluzinatorische Pinselführung, mal bedächtig, mal schrubbend, modelliert das Konkrete. Dieser Neo Rauch steckt in jeder Figur, die er lebendig werden lässt. Es sind einander unzugängliche, kontemplative Stilgeschöpfe, die stehen, dastehen. Inmitten von Journalisten, die anlässlich einer Ausstellung zum Interview geladen haben, steht Neo Rauch in ihrer Mitte vergleichbar unerschütterlich da und lässt ein paar Sätze bröckeln. Für den Kunstmarkt, die „Zahlenwelt“, wie er dies nennt, ist Rauch nicht geschaffen. Er ist froh, wenn das Licht in seinem Atelier brennt und er in seine Arbeit vertieft ist, um eine Figur größer zu machen, während sein Hund Smylla zufrieden frisst. Lasst mich in Ruhe, hört auf, euch mitzuteilen. Ich male.      

Über Timo Kießling 53 Artikel
Der künstliche Graben zwischen vermeintlicher Hochkultur und vermeintlicher Trivialkultur existiert für mich nicht. Beides weiß, uns etwas über die Zeit zu sagen, in der wir leben. Deshalb interessiere ich mich für jegliche Sparten visuellen Geschichtenerzählens, besonders für die, in denen Bilder "Eruptionen, Zerwürfnisse und Chancen zwischenmenschlicher, lebensweltlicher Prozesse" metaphysisch einrahmen. Das Kino Michelangelo Antonionis, David Lynchs und Christian Petzolds inspiriert mich immer wieder. Ich schreibe über Filme, um mich an diese zu erinnern und um ein paar spannende Perspektiven auszugraben, die ich gern weiterverschenken möchte. Filmkritik ist Archäologie.

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