Kritik: David Lynch – The Art Life

Rauchende Blicke

© EuroVideo Medien GmbH

Bis „Eraserhead“ war sein Weg bei weitem nicht vorgezeichnet. Das Künstlerleben („Art Life“) malte sich David Lynch aus, bevor er es überhaupt lebte. Kippen gehörten dazu, Kaffee. Kippen, Kaffee. Die Kippen höchstselbst tragen in „David Lynch – The Art Life“ zu einer ikonografischen Gestenschau bei, zu einer zweiten Hitchcock-Silhouette: die weißen Strubbelhaare und die dampfende Zigarette in Kombination mit angestrengtem, hochkonzentriertem Sitzen. Die Kippen konnte David Lynch demnach unmöglich weglegen. Während er in ein Radiomikrofon spricht, philosophiert, frohgemut erzählt, hält er sie und zieht an ihnen. Der Rauch ergießt sich im Raum, er ist vernebelt – der Raum, aber auch der Künstler. Kaffee dagegen sieht man nirgends, dafür Coca-Cola-Flaschen und ein Glas, in dem Eiswürfel die braune Flüssigkeit bekömmlich verkühlen. Die Regisseurinnen und Regisseure Olivia Neergaard-Holm, Rick Barnes sowie Jon Nguyen haben zu keiner konventionellen Interviewstrecke geladen, die das Biografische biografisch griffbereit nachvollzieht. Sie platzieren den Künstler, Maler, Musiker, Filmemacher David Lynch auf eine Bühne, auf der sie ihn häppchenweise in seiner Erzählung inszenieren. Lynchs Blicke in die Kamera sind dabei furchtlos und scharf, gleichzeitig auch ein bisschen verwaist und lose. Mit – zumindest zeitweise – plump choreografiertem Aufwand wird dieser zartfühlende Mann im Lichte einer unverstandenen Kunstfigur beschienen.

Hinter das, was Effekt und Stil ist, hinter das Idealglatte des Posierens, erhaschen erst Worte einen Bick. Voller offenherziger Geduld erinnert sich Lynch an die Berufung des Malens, den Disput mit seinem Vater Donald und die kleinen, großen, monströsen Missgeschicke als Quelle unbedingter Selbsthinterfragung wie, darauf aufbauend, ruckweiser Selbstentwicklung. Während der Alptraumtherapeut weniger alptraumhafte Anekdoten preisgibt, knetet er in der Zwischenzeit abgründige Bilder, surrealistische Grimassen und unfertige Wesen, bei denen das Vorbild, die Inspiration Francis Bacon offenkundig ist. Die Erotik des Berührens und Berührtwerdens ist Teil nicht nur von Lynchs malerischem Werk – Resultat einer Introvertiertheit, die sich im Geheimen und Abgeschotteten entlud, um das Geheime und Abgeschottete unverstanden zu fixieren, in ein Bild, später in „bewegte Bilder mit Ton.“ Zwei Wochen vor Hochschulstart verließ David Lynch nicht das Haus, er sah eines Tages eine nackte Frau auf der Straße (ein traumatisches Erlebnis, das später in „Blue Velvet“ verwendet werden sollte) und eine Frau sprach ihn in Philadelphia einmal darauf an, dass ihr die Nippel wehtaten. Im Laufe seines Lebens war Lynch mit den tückischen Verkrampfungen, Pathologien und Paradoxien konfrontiert, die er in ein Atelier fiebriger Romantik und romantischer Fahrigkeit verlagerte. Das ist der, sein, David Lynchs Erkenntnisgewinn: am Leiden Lust empfinden.          

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