Kritik: Maniac (Miniserie)

Irrlandschaften des Verstandes

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Miguel de Cervantes‘ abenteuerbunter Heldenklassiker „Don Quijote“ scheint in diesem Film- und Serienjahr 2018 wieder gelesen zu werden. Der Roman feiert eine Wiedergeburt. Nicht nur, dass Terry Gilliam endlich – nach Jahrzehnten mühevoller Aufopferung und übermenschlichen Durchhaltevermögens – seinen „Don Quijote“ in „The Man Who Killed Don Quixote“ verfremden wie verfilmen konnte. Auch in der Miniserie „Maniac“ erheben Cary Joji Fukunaga und Patrick Somerville das (unvollständige) Buch zu einem hypnotisierenden Traumschatz, der nichtsdestoweniger Gefahren in sich birgt: die Gefahr, sich in den Tiefen der inneren Begehrlichkeiten zu verlieren und daher die Gefahr, nicht mehr zwischen Realität und Fiktion differenzieren zu können. „Don Quijote“ ist die Geschichte der Stunde, aber zugleich der geschichtsrasselnde Unterbau von „Maniac“. Um nicht mehr an unüberwindlichen Traumata zu leiden (und um einen üppigen Scheck einzukassieren), nehmen Probanden an einer Studie teil, in deren Verlauf mehrerer Tage sie drei Pillen schlucken müssen und Erlebtes neu interpretieren, im letzten Schritt gar konfrontativ verarbeiten lernen. Der Verstand erzählt sich Geschichten, so die Quintessenz des Experiments, aber die Geschichten verdecken sich beiderseitig, indem sie Abwehrmechanismen entwickeln, der „Schuld“ auszuweichen. Die Abwehr muss ausgespielt werden, damit die Probanden ihre Geschichte(n) anerkennen.

Der Zuschauer begleitet zwei Versuchskaninchen auf ihrem Weg der Heilung. Zwei Menschen, die aufgrund vergangener Verfehlungen als prädestiniert gelten, Studienteilnehmer zu werden. Da ist Owen (Jonah Hill), schwarzes Schaf einer Industriellenfamilie, ehemals schizophrener Patient. Auf dem Familiengemälde ist er nicht zu sehen, sein im Vergleich winziges Foto hängt daneben. Er wird bedrängt, für seinen Bruder Jed (Billy Magnussen), dem ein Sexualverbrechen zur Last gelegt wird, unter Eid zu lügen. Owen kann gar nicht anders, als dem Druck seiner Familie nachzugeben. Jonah Hill spielt nicht den ordinären Komiker und verzehrt sich ebenfalls nicht danach, den Clown auf Geburtstagsfeiern zu überbieten. Sein Gewicht hat sich merklich reduziert, seine Katatonie ist vorbildlich getroffen in ihrer sanftmütigen Überspanntheit und philosophischen Elegie. Hill vermischt Scham und Neid zu einem hoffnungslos wehklagenden Gemenge, endlich als Superheld die Welt zu retten. Demgegenüber existiert Annie (Emma Stone) in ihrer eigenen Blase des Versagens. Annie verlor ihre kleine Schwester Ellie (Julia Garner) durch Unachtsamkeit bei einem Autounfall. Unfähig, den Schmerz als Lebensbestandteil zu akzeptieren, versucht sie, ihn zu betäuben. Sie ist drogenabhängig, rastlos, zerfließt in jenen unschönen Worten, mit denen sie ihre Schwester vor dem Unfall drangsalierte. Owen und Annie knüpfen ein Band aus Erschöpfung und Blockierung.

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Direkte Liebe will zwischen den beiden nicht entstehen, aber „Maniac“ hat ein romantisches Herz. Schließlich bestreiten beide Probanden die meisten Geschichten ihres Unterbewusstseins gemeinsam – als ungleiches Ehepaar, die bei dem Versuch, einen Lemur wiederzubeschaffen, den Tierschutz und lustvoll das Tanzbein schwingende Hehler provozieren (die den Türcode vorsichtshalber angeheftet haben), als Trickbetrügerpärchen auf der Jagd nach dem letzten Kapitel „Don Quijote“ während einer mondnächtlichen Séance und nicht zuletzt als schießwütiges Duo wider Willen im Kampf gegen feindliche Agenten: er ein isländischer Alien-Forscher, sie eine CIA-Ermittlerin. Der Eklektizismus der Rollenzuschreibungen – Snorri, der isländische Alien-Erzieher, spricht in einem Akzent aus Akzenten – macht aus „Maniac“ ein kreatives Amüsement unvorhersehbarer Finten. Mögen diese Fantasien Deformierungen dessen sein, womit das Selbst ringt, laben sich die Showrunner daran, sich Mustern auszuliefern, die im gesteigerten Überraschungstakt beide Protagonisten perspektivisch variieren. Entgegen Annies Abneigung gegenüber Fantasy-Geschichten befindet sie sich höchstselbst in einer („Ceci N‘est Pas Une Drill“, 1×07), wohingegen Owen (tätowiert, Goldzähne, gleichwohl intellektuell) die Erfahrung macht, als Polizeispitzel seinen Vater, genannt „Bohrer“ und Anführer der Milgrim-Mafia, auszuliefern.  

Das in dieser Miniserie propagierte „Chaos“ der Welt- und Sinndeutung ist nicht deckungsgleich mit handwerklich psychoobsessivem Narzissmus („Hannibal“, „Legion“). Eine innere Logik der Traumschichten, überhaupt: ein geordnetes Verklammern von Genres und Inventaren, ist stets gegeben. Jonah Hill und Emma Stone behaupten sich darin als sensible Stützanker, weil sie – gerade hinsichtlich Emma Stone – ungeschminkt sowie grundlegend unprätentiös komplexe ängstliche, scheue Geschöpfe verkörpern. Vor allem Jonah Hill trumpft in jener Geschichte auf, in der er zwar Mitglied einer Mafiafamilie ist, aber fürs College lernt. Die Offenherzigkeit, mit der Hill in den Seiten eines tiefspontanen Lebensratgebers blättert, befruchtet einen erwachsen(ere)n Schauspieler, mehr zu sein als ein Dienstleistungspossenreißer. Von emotionaler Entschleunigung machen Fukunaga und Somerville hinreichend Gebrauch, auch wenn ein kathartisches, familiäres Hollywood-Arrangement, speziell in der letzten Folge („Option C“, 1×10), angestaute Frustrationen zu Chancen sicherer Bindungen fast zu harmonisch und reibungslos ummünzt. Traumcharakter bewahren sich die Showrunner einzig dort, wo sie Gewalt comichaft ausschmücken: Ein Schrotflintenschuss reicht dabei, den Unter- vom Oberleib abzutrennen. „Manic“ verschließt sich der physischen Zersetzung keinesfalls, die Brutalität ist unverblümt und rabiat.

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Stilistisches Vorbild für „Maniac“ dürfte insbesondere – und hier schließt sich der Kreis zu „The Man Who Killer Don Quixote“ – das Kino Terry Gilliams sein. Dort, in den paranoiden Psychosen und psychotischen Pathologien, geraten die zumeist verrücktgeschorenen Gilliam-Figuren durch einen voyeuristischen Blick fragmentarischer Augenpartikel zum scheinwissenschaftlichen Versuchsgegenstand. Bildschirme, Augen und Gesichtspartien beschwören auch in „Maniac“ einen Funktionalismus herauf, der in klinischen Laborfarben den Menschen zu entschlüsseln versucht. Die Figur des Dr. James K. Mantleray (mit Toupet: Justin Theroux) sowie die Figur der Dr. Azumi Fujita (kettenrauchend: Sonoya Mizuno) könnten direkt aus einem Forscherteam eines Gilliam-Drehbuchs stammen, so undurchschaubar manisch sind sie in den ungünstigsten Momenten – und so überraschend menschlich in den drängendsten. Als Kraftfeld dazwischen empfiehlt sich die altersweise, gleichwohl altersstutzige Sally Field, ihres Zeichens Beststeller-Therapeutin, die den Haupt- und Hauscomputer der Firma – ihr algorithmisches Ebenbild – psychologisch behandelt. Das Figurenensemble haben Fukunaga und Somerville im Griff, obwohl die Rollen Theroux‘ und Mizunos immer wieder darauf ausgerichtet sind, dem Zuschauer kryptische neurochemische Zusammenhänge simplifiziert zu vermitteln. Der „Erklärbär“, so er denn einer ist, wetzt gefährlich seine Krallen.

Aus dem gegenwärtigen Einerlei des Seriengulaschs sticht „Maniac“ insofern heraus, als dass Fukunagas Regie nicht bloß dialogische Tableaus illustriert. Der Filmemacher hat ein ausgesprochen feines, nie zu aufdringliches Gespür für Randständiges, das die Szene quasi organisch orchestriert. Demnach bleibt offen, in welcher Zeit die Miniserie überhaupt spielt. Sie ist strömungsresistent und den Charakteristiken einer Zeit enthoben – zwischen Neo-Futurismus und 80er-Werbeästhetik stehen ein Telefon mit überdimensionierten Tasten, grelle Neonbanner und verniedlichte Säuberungsroboter, die Tierkot von der Straße aufsammeln, gleichbedeutend nebeneinander, ebenso wie luftige Regenbogenfarben und ranzige düstere Töne, moderne digitale Einbauflatscreens und handelsübliche Einkaufstüten. Da all‘ das, säuberlich getrennt und aufeinander abgestimmt, ein aufgeräumtes Szenenbild ergibt, das auch dann Bestand hat, wenn sich die Showrunner zu den Leidenslandschaften ihrer Protagonisten begeben, hätte „Maniac“ eine Prise unkontrollierter(er) Wahnsinn oder wenigstens ein assoziativeres Filmemachen dennoch (manchmal) gut zu Gesicht gestanden. Andererseits wollen Fukunaga und Somerville nie zu viel, als eine Geschichte unabhängiger Selbstbefähigung zu erzählen, in der das Gelöstsein keine Eigendynamik entwickelt, sondern als Mittel zum Zweck erscheint, sich das allererste Mal zu binden.      

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