Kritik: Wolfsnächte

Die Einsamkeit des Rudels

© Netflix

In „Blue Ruin“ war die Gewalt alttestamentarisch. Ein Mann schwor Rache. Ihm wollte nicht alles gelingen, er bekam die Waffensicherung nicht aufgeschlossen, verletzte sich, verarztete sich notdürftig. Rache ist kompliziert zu handhaben. „Blue Ruin“ offerierte die Vergeltung als Aneinanderreihung von zutiefst menschlichen Missgeschicken, deren größtes Missgeschick die Vergeltung selbst ist. Mit diesem Film empfahl sich Jeremy Saulnier als gewichtige Independent-Stimme Hollywoods. Doch er beließ es nicht bei einem Überraschungshit, er drehte im Anschluss daran den funkigen „Green Room“, in dem er den klassischen Gewaltbegriff um eine Tonhöhe anreicherte – Gewalt als pragmatische Notwendigkeit, als Aufräuminstrumentarium. Waren Saulniers Figuren Eingeschlossene und zugleich Ausgeschlossene, öffnet er in „Wolfsnächte“ zwar den Raum, beschneidet jedoch nicht dessen Abgeschiedenheit: Im eisigen Alaska wird der Schriftsteller und Wolf-Experte Russell Core (Jeffrey Wright) gerufen, um das Verschwinden eines Jungen (Beckam Crawford) aufzuklären, der – nach Meinung seiner Mutter (Riley Keough) – von Wölfen entführt worden sei. Saulnier hantiert, einmal mehr, mit jenen Vorgaben, Schablonen und Checklisten, die das Genre des Schneewesterns an existenzialistischen Grenzgebieten hergibt – der einsame Retter und Held wider Willen erfriert an seiner Tristesse, zwischen den Winden und dem Schnee zu leben.  

Der Filmemacher hätte keinen vielsinnigeren Ausdruck dafür finden können als Jeffrey Wrights gewandten Gang, seine begrenzte, eingegrenzte, eingemauerte Körpersprache, sein bärbeißiges Sprechen ohne egomanische Betonungen. Russell Core ist der philosophische, geruhsame Erzähler, der uns in eine Geschichte unbekannten Terrains geleitet. Da Core den Kontakt zu seiner Tochter (Bobbie Jaye) verloren hat, verliert er sich in klanglosen Klageliedern an der Rückkehr zu seiner Familie, die ihm (vorerst) verschlossen bleibt. Saulniers gedankenverlorener Formwille, der den Mut zum inszenatorischen Harakiri scheut, kontrastiert das Apathische und das Lodernde im Duett, bei dem die Zeit im Kreis taumelt. In der Tat ist Core ein fesselnder Heimatloser; sein Körper verringert sich zu einem Stück stapfenden Fleisches in ausladenden Totalen. Die Natur verschluckt den Menschen. Innerhalb schwerschwenkender Charaktere und schwerschwenkender Bewegungen, die von ihnen abstrahlen, beobachtet Saulnier mitmenschliche Gesten empathisch genauestens, ohne etwas je zu überstürzen. Wenn sich Medora Sloane (Keough) unmittelbar an den dösenden Core herankuschelt und eine Träne über den Verlust ihres Kindes lieblich vergießt, befreit sich das Zarte aus dem Bedächtigen. Die Poesie der Langsamkeit – wo wäre sie unentbehrlicher als dort, wo die Sonne sich ohnehin nur für ein paar Stunden trübe blicken lässt?

Dass „Wolfsnächte“ kein lupenreiner Survival-Thriller ist, sondern den Diskurs Mensch gegen Tier – das Tier im Menschen – abstrakt zwischen den Bildern anstößt, wird zusehends an Saulniers Gewaltterminus deutlich. Von ehemals alttestamentarischer über, daran anschließend, pragmatische Gewalt hinweg, wendet sich der Amerikaner mit seinem vierten Spielfilm einer dritten Darstellungsvariation von Gewalt zu, die als mythologische Allegorie konzipiert ist. Denn Medoras Ehemann Vernon (Alexander Skarsgård) kommt aus dem Krieg zurück, um seinen Sohn ein letztes Mal zu sehen. Im Krieg erstach er einen Soldaten, der eine Frau vergewaltigte. Vernon trägt sein animalisches Ich nach außen, eine surreale Tiermaske wird später sein Antlitz ersetzen. Drehbuchautor Macon Blair (der Hauptdarsteller aus „Blue Ruin“) scheut die Unterstreichungen nicht, der Film parallelisiert Vernons zu Leidenschaft geronnene Blutrituale und des Tiers „natürliche Ordnung“ (bar jeder Rache) mit Unterstützung kinetischer Haltepunkte, die Michael Mann und Sam Peckinpah in ihren besten Zeiten erahnen lassen. Das Tier bricht sich Bahn, bricht aus der Finsternis, durchbricht die Ummantelungen sozialen Tauschgeschäfts – es ist ein Thema, das die Filme Jeremy Saulniers durchzieht. Saulnier hat sich, offenbar, gefunden. Er orientiert sich neu, bewegt sich weg, von einer gewöhnlichen Schicksalsgeschichte zu einer anthropologischen Schauererzählung.     

Über Timo Kießling 37 Artikel
Der künstliche Graben zwischen vermeintlicher Hochkultur und vermeintlicher Trivialkultur existiert für mich nicht. Beides weiß, uns etwas über die Zeit zu sagen, in der wir leben. Deshalb interessiere ich mich für jegliche Sparten visuellen Geschichtenerzählens, besonders für die, in denen Bilder "Eruptionen, Zerwürfnisse und Chancen zwischenmenschlicher, lebensweltlicher Prozesse" metaphysisch einrahmen. Das Kino Michelangelo Antonionis, David Lynchs und Christian Petzolds inspiriert mich immer wieder. Ich schreibe über Filme, um mich an diese zu erinnern und um ein paar spannende Perspektiven auszugraben, die ich gern weiterverschenken möchte. Filmkritik ist Archäologie.

1 Trackback / Pingback

  1. BFI London Film Festival, Tagebuch Tag 2: „The Ballad of Buster Scruggs“ – Geek-Pool

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*