BFI London Film Festival, Tagebuch Tag 3: „Beautiful Boy“

Drogen sind doof!

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Bei dem Titel „Beautiful Boy“ erwartet man eigentlich etwas anderes, als das, was es später ist. Der Regisseur hält anscheinend nichts von Komödien oder Romanzen und macht kurzerhand einen Film über Drogensucht. Einen Film, der es wahrlich in sich hat. Denn anstelle die typischen Junkies zu zeigen, aufgewachsenen in zerütteten Verhältnissen und keinen anderen Ausweg sehend, als sich einen Schuss zu setzen, oder die andere extreme Situation: ein reicher, verwöhnter Knabe, der in die Schattengesellschaft abdriftet oder sich einfach nur zum Spaß mit seinen Schnöselkollegen bei einer Party abschießen will, schockt  Felix Van Groeningen auf eine ganze andere Weise, indem er eine normale Familie zeigt, wo der Sohn plötzlich ohne jeden Grund drogenabhängig wird.

Am besten zeigt das die erste Einstellung, in der der Vater beim Psychologen sitzt und offen zugibt, dass sein Sohn drogenabhängig ist und nicht weiß, wie er ihm helfen kann, diese Episode durchzustehen. Er will seinen Sohn nicht bestrafen, sondern verstehen, wieso er es tut. Wieso macht er das, was hat er bei seiner Erziehung falsch gemacht? Was hat er übersehen? Liegt es daran, dass er ab und zu mit ihm Pott geraucht hat? Aber er selber war nie alkoholabhängig oder gar drogensüchtig. Liegt es daran, dass die Eltern geschieden sind? Aber der Sohn hatte sich doch so gut an seine Stiefmutter und Geschwister gewöhnt. Was also ist die Ursache dafür?

Oder gibt es gar keine Ursache und hätte der Vater, egal wie sehr er es versucht, es gar nicht verhindern können? Ist das einfach der Lauf des Lebens? Doch wie kommt man aus so einer Abwärtsspirale raus, wie kann man clean werden? Schafft man das aus eigener Kraft? In einem Moment scheint es so, dass es mit der Hilfe seines Umfeldes ihm durchaus gelingen kann. Aber wie lange hält er das durch und wie groß ist die Verlockung, wieder damit anzufangen?

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Der Film stellt viele Fragen, viele Hintergründe werden aufgedeckt, wie der Sohn aufgewachsen ist. Immer wieder werden Kindheitserinnerungen eingespielt, in denen der Vater versucht, die Ursache zu finden. Ohne jeden Erfolg. Die alles entscheidende Frage ist: Wann kommt der Punkt, an dem man loslassen muss, damit das eigene Umfeld nicht dadurch zerbricht? Immerhin geht es ja um das eigene Kind. Trotz der vielen Fragen und der wuchtigen Inszenierung, beispielsweise als der Sohn im Internet danach googelt, eine Anleitung für die richtige Technik zu finden, um sich Heroin spritzen zu können, kommt und geht man genauso schlau wie vorher aus Van Groeningens Werk.

Zwar schafft er es, eine beklemmende, fast Psychothriller-artige Atmosphäre zu erzeugen und mit jeder neuen Szene mehr zu schocken, aber die eigentliche Moral, der rote Faden ist hierbei nicht zu erkennen. Der Film dümpelt nur vor sich hin, wiederholt sich dabei mehrmals und kann lediglich durch das Schauspiel und die Chemie zwischen Steve Carrell und Timothée Chalamet überzeugen. Ansonsten kommt die Botschaft zwar an, wie gefährlich Drogen sind und dass man davon lieber die Finger lassen sollte, aber das haben schon andere Filme gezeigt. Das Potential, diese normale Durchschnittsfamilie in ein ungewohntes Licht zu rücken, ist dem Film durchaus gelungen. Aber Van Groeningen will immer mehr, wird immer aufdringlicher, immer mahnender, schreitet voran mit einer Küchenpsychologie vom Feinsten und greift teils auf abgedroschene Phrasen zurück, die der Film gar nicht nötig gehabt hätte. Bestes Beispiel dafür ist die Liebe zur Band Nirvana. Eine Assoziation, die jeder Durchschnittskinogänger sofort durchschaut und welche die Band garantiert nicht verdient hat. Mit solchen Klischees wartet der Film teilweise auf und schnürt sich dabei selbst die Luft ab.

Was dem Film fehlt, ist, den Moment zu erkennen, wann Schluss ist. Wie heißt es so schön – weniger ist manchmal mehr. Mann muss sich nicht an eine konventionelle Kinospielfilmlänge halten, um einen guten Film zu machen. Viel wichtiger ist die Botschaft. Einen Rat, den der vielversprechende Regisseur für die Zukunft beherzigen sollte.

Über Marcel 505 Artikel
Film ist eine Sprache die jeder versteht. Egal ob in serieller Form oder als Animation, Film dient den Menschen als Unterhaltung und begeistert durch seine Vielfältigkeit. Sei es auf den Ebenen der Erzählung, Effekten oder Charakteren. Film ist aber nicht nur eine Sprache, sondern eine Kunstform, ganz gleich in welcher Art und Weise. Das was ich an Film und allgemein an Medien liebe, ist die Vielfältikeit, die verschiedenen Ebenen insbesondere die Meta Ebenen und in neue Welten einzutauchen. Aber auch Kritik und Lösungsvorschläge filmisch an unserem heutigen System auszuüben und zu zeigen, wie die Welt in der Zukunft aussehen könnte. "Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein".

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