Kritik: Apostle

Rasensprengung mit Blut

© Netflix

Man durfte gespannt sein, wie eine Kollaboration zwischen Gareth Evans und Netflix würde aussehen können. Der Regisseur von „The Raid“ (2011) und „The Raid 2“ (2014) ist keiner, der Bilder und Emotionen in ihrem suggestiven Wirken begrenzt, um sie fernsehtauglich zu verkaufen. Das Kino Gareth Evans‘ ist ein urzeitlicher Männertraum: viril, handkantenhart, blutbesudelt. Und, ohne Zweifel, graziös anzuschauen. Das Raubtierhafte, überhaupt: Tierische, verlagert Evans in das Jahr 1905 – eine abgelegene walisische Insel namens Erisden bildet den Schauplatz in „Apostle“, zu der ein Fremder (Dan Stevens) reist, um seine entführte Schwester (Elen Rhys) zu finden. Erisden aber ist weit davon entfernt, eine gewöhnliche Insel zu sein. Auf ihr hat sich ein radikalreligiöser Kult etabliert, der zur Nachtruhe ruft, Blutspenden erzwingt und bei Vergehen sich die erfinderischsten Foltermethoden ausdenkt. Evans taucht hinab in eine sinistre dörfliche Gesinnungsgemeinschaft. Der Dreck, der „Apostle“ überzieht, zieht sich bis tief unter die Fingernägel. Dementsprechend schwarz sehen die Nägel Thomas Richardsons (Stevens) aus, ein Mann, der verhältnismäßig zweckdienlich überlegt, wann er zu sprechen beginnt, und sein Gegenüber selten direkt in die Augen sieht. Die wahnhafte, eigenlebendige Müdigkeit Richardsons nimmt Motive von Filmen wie „The Wicker Man“ (1973) auf, Filme, deren Spannungsmotor dann eine höhere Drehzahl erreicht, wenn der Ortsunkundige (und später Gejagte) sich nicht mehr listenreich zu verstecken vermag.

Mit „Apostle“ erfindet Gareth Evans das Rad nicht neu, aber er konstruiert die Streckbank konträr ihrer Bauanleitung – voller Festlichkeit inszeniert der Autorenfilmer ein markiges Gore-Happening, das im Einsatz einer Erlösungsapparatur gipfelt, die den Kopf des fixierten Delinquenten aufbohrt. „Apostle“ darf sich ohnehin mit atmosphärischen Ausfallschritten rühmen, die den im Kern hanebüchenen, hinlänglich bekannten Plot gedankenreich belagern. Die Sets – ein Tunnellabyrinth mitsamt wässrigem Bluteintopf, eine organisch verwachsene Scheune – gedenken fantastisch an Lovecraft, wohingegen der Film mehrere Abstecher zu einer Grenze unternimmt, an der ein Genre endet und ein anderes beginnt. Schließlich sind die „falschen Propheten“ (abstoßend verblendet: Mark Lewis Jones) von einer derartigen fanatischen Auslastung durchdrungen, dass sie das Diesseits verlassen: Um eine erfolgreiche Ernte zu gewährleisten, wird ein zu fleischlichem Geröll gealtertes weibliches Geschöpf, Abbild einer Göttinnenmetapher („Her“: Sharon Morgan), mit Blut ernährt. Gareth Evans durchstöbert die Genregeschichte höchst unterhaltsam; ihm bereitet es Vergnügen, in Zeiten abnehmender Handfestigkeit das Kreatürliche zu suchen, den Matsch und die Körperflüssigkeiten. „Apostle“ schließt insofern unübersehbar an „The Raid 2“ an, denn Evans belässt es nicht mehr bei durchorganisierten, kleinen Filmen. Er trachtet nach dem immersiveren, komplexeren Epos, in dem vor allem gewalttätige Bindungen eine amoralische Kultur begründen.      

Über Timo Kießling 31 Artikel
Der künstliche Graben zwischen vermeintlicher Hochkultur und vermeintlicher Trivialkultur existiert für mich nicht. Beides weiß, uns etwas über die Zeit zu sagen, in der wir leben. Deshalb interessiere ich mich für jegliche Sparten visuellen Geschichtenerzählens, besonders für die, in denen Bilder "Eruptionen, Zerwürfnisse und Chancen zwischenmenschlicher, lebensweltlicher Prozesse" metaphysisch einrahmen. Das Kino Michelangelo Antonionis, David Lynchs und Christian Petzolds inspiriert mich immer wieder. Ich schreibe über Filme, um mich an diese zu erinnern und um ein paar spannende Perspektiven auszugraben, die ich gern weiterverschenken möchte. Filmkritik ist Archäologie.

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