Kritik: 22. Juli

Rekonstruierte Trauer

© Netflix

Die erste Szene gehört Anders Behring Breivik (Anders Danielsen Lie). Er steckt in Vorbereitungen, eine Bombe zu bauen, die später den Osloer Regierungsbezirk erschüttern sollte. Die letzte Szene allerdings gehört ihm nicht. Die letzte Szene gehört dem Überlebenden Viljar (Jonas Strand Gravli). Es wäre falsch, Paul Greengrass ein gesteigertes Interesse sowohl in die eine als auch in die andere Richtung zu unterstellen. Die Uneinheitlichkeit der Fokussierung und, damit einhergehend, die sprunghafte inhaltliche Grundierung lassen trotzdem Zweifel an der Notwendigkeit aufkommen, zum wiederholten Male die Terroranschläge von Oslo und Utøya innerhalb eines Jahres filmisch zu adaptieren. Greengrass wählt gleichwohl, im Gegensatz zu Erik Poppe („Utøya 22. Juli“, ebenfalls 2018), einen umfassenderen Ausschnitt der Geschehnisse – bis zum Urteil des Gerichtsprozesses, bei dem Breivik für schuldig befunden wurde, hakt der Filmemacher im grundanständigen, allzu auslassungsfreien Durchhaltemodus sämtliche chronologische Anlaufstationen ab, die den Täter und die Opfer in einen fortwährenden Bezug setzt. Visuelles Gewicht verleiht Greengrass dabei aber eher eingeschränkt jenen Umständen, die einst ein Land in dessen liberalem Grundverständnis hinterfragten. Einer Szene, im Höchstfall, ist eine Dichotomie eingeschrieben: Die angeschnittenen Köpfe Viljars und Breiviks, während Viljar vor Gericht aussagt, bilden einen Resonanzraum, sich von einem traumatischen Abhängigkeitsverhältnis mit dem Instrumentarium der Sprache zu befreien.  

In Gänze vermag „22. Juli“ über Empfindungen gemütlichen TV-Entertainments mit beschränkten Mitteln (inklusive einer grob getricksten CGI-Explosion) dennoch nicht, hinwegzutäuschen. Greengrass hat zwar ein respekt- und würdevolles Interesse, manch‘ entkörperlichten, erlahmten Moment tiefer Fassungslosigkeit zu kreieren, ohne jegliches Handkameragewusel exzessiv einzusetzen – so entmachtet er den Voyeurismus gegenüber Breivik überwiegend intelligent, indem der Brite beispielsweise Breiviks krude Aussage vor Gericht mit Reaktionen Überlebender und deren Eltern ungemein mitleidend gegenschneidet. Das emotionale Potenzial dieser Geschichte will sich jedoch nie vollumfänglich entfalten. Dafür ist die angestrebte Professionalität, mit der Greengrass nichts offen zu lassen versucht, mindestens langweilig und maximal eine Kapitulation vor den Ingredienzien filmischer Perspektivität. Greengrass‘ unverwechselbare Handschrift, Historisches so physisch wie kraftvoll zu zerstückeln, verwischt in einer vorschriftsmäßigen Nacherzählung – „22. Juli“ will ein Referat halten, Aufklärungsunterricht leisten sowie den Tat- und Gefühlshergang rekonstruieren. Auf ein wenig phänomenologische Analyse, auf gezielt eingestreute Entmythologisierungstendenzen verzichtet Paul Greengrass aller Konkretheit zum Trotz nicht: Oft ist Breiviks Gesicht an die Großaufnahme geheftet. Obgleich die Kamera (Pål Ulvik Rokseth) näher an dieses Gesicht rückt, sagt es uns nichts. Es ist damit nicht allein. Was sagt uns „22. Juli“?             

Über Timo Kießling 31 Artikel
Der künstliche Graben zwischen vermeintlicher Hochkultur und vermeintlicher Trivialkultur existiert für mich nicht. Beides weiß, uns etwas über die Zeit zu sagen, in der wir leben. Deshalb interessiere ich mich für jegliche Sparten visuellen Geschichtenerzählens, besonders für die, in denen Bilder "Eruptionen, Zerwürfnisse und Chancen zwischenmenschlicher, lebensweltlicher Prozesse" metaphysisch einrahmen. Das Kino Michelangelo Antonionis, David Lynchs und Christian Petzolds inspiriert mich immer wieder. Ich schreibe über Filme, um mich an diese zu erinnern und um ein paar spannende Perspektiven auszugraben, die ich gern weiterverschenken möchte. Filmkritik ist Archäologie.

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