Kritik: Suspiria (2018)

Verfluchtes Berlin

© Capelight Pictures

Was ist von dem (kühnen) Versuch zu halten, ein Remake des stilbildenden Dario-Argento-Hauptwerks „Suspiria“ (1977) umzusetzen? Nichts. Geldverbrennung, Ideenlosigkeit, Größenwahn. Aber von einem Versuch des italienischen Filmemachers Luca Guadagnino? Als die Wahl auf diesen ungewohnten Genrefremden fiel, der mit behutsamen Dramen wie „A Bigger Splash“ (2015) und „Call Me by Your Name“ (2017) auf sich aufmerksam machte, begann eine interessante destruktive Anomalie sich zu bilden, wie zwei unverträgliche filmgeschichtliche Reibungspunkte zueinander fanden und miteinander verschmolzen – das gefühlvolle Flirten und das gefühllose Vernichten. Auch Argentos eklektischer Gemäldehorror war in gewisser Weise eine enigmatische Anomalie, entstanden aus den Strömungen der Zeit und Architektur, verewigt zu einem Knäuel europäischer Tiefengeschichte. Das „Europäische“ nimmt Guadagnino wieder auf. Doch ins Kunstwerk fällt wohl keiner seiner Protagonisten (vgl. Elisabeth Bronfen) – eine Nachbearbeitung der Geschichte, eine Wiederholung des Bekannten findet glücklicherweise nicht statt. „Suspiria“ (2018) ist ein anderer Film als „Suspiria“ (1977), weil er eine andere Leseart, Bedeutungsebene und einen anderen zeitgeschichtlichen Zusammenhang von Mythos und Märchen entwickelt: die Selbstbehauptung, eventuell sogar die Selbstentmachtung, kein Kunstwerk in einem Kunstwerk mehr sein zu müssen.

Der Film, von einem bloßen „Remake“ entsprechend weit entfernt, beraubt sich, zum Beispiel, den Farben. Er definiert sich über die Zeit, in der er spielt. Luca Guadagnino „erzählt“, zweieinhalb Stunden lang. Die fundamentalsten Verschiebungen fußen demnach auf Fragen der Aktualisierbarkeit gegenüber transgressiven Bilderwelten, wie sie im Kino heute selten(er) geworden, ja kaum noch zu erfahren sind. Guadagninos Film kann daher, ähnlich wie das Original, als Metafilm über die Mechanismen eines Remakes gelesen werden, das, dem Zeitgeist geschuldet, jene Lücken stopfen muss, die einst bei Argento zwischen den Verschaltungen des Unbewussten verschwanden. Das Tiefenpsychologische gibt der Filmemacher zugunsten des Psychologischen auf: Der Plot ist zerstückelt, ausführlich, breit, seine Figuren sind nicht ausschließlich von metaphorischer Deutbarkeit. In dieses Raster ordnet sich ein Charakter ein, den die dämonisch-einnehmende Tilda Swinton unter Tonnen von bizarr-verschmiertem Make-up in aller Altersdeutlichkeit erweckt: Dr. Josef Klemperer, ein Psychoanalytiker, der bald dem Geheimnis der Tanzschule auf der Spur ist. Klemperer repräsentiert den Anker, der im Magie- und Ornamentlosen, quasi Sozialrealistischen steckt. Er hat ein persönliches Motiv: Das Verschwinden seiner Frau stellt Bezüge zu jenen jungen Mädchen her, die ebenfalls verschwanden, nachdem sie begonnen haben zu tanzen.

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Mit dem Wechsel zwischen Erzähl- und Assoziationskino bestätigt sich Guadagninos „Suspiria“-Interpretation als schläfriges und zugleich ausgeschlafenes Spielbrett, das allerdings an seiner schieren Größe scheitert. Scheitern Filme, sind manche davon jedoch inspirierender als Filme, denen alles gelingt. Dieser Film ist einer von ihnen – er „scheitert“ geradezu fulminant. Angesichts der dramaturgischen Nebenlinie um Klemperer, der ein Notizbuch während der Sitzungen mit seinen Patienten schreibt, um dem Zuschauer einen prägnanten Überblick des Hexenzirkels zu geben, befreit Luca Guadagnino „Suspiria“ aus der ursprünglichen Einrahmung metaphysischen Horrors. Die Geschichte, die er stattdessen erzählt, handelt von (historischem) Verlust und (persönlichem) Trost. Dies allein reicht trotzdem nicht. 1977 kam der erste „Suspiria“ heraus, der zweite hingegen spielt – ein Augenzwinkern – 1977 im geteilten Berlin. Ein Jahr, ein Zeitabschnitt subversiver Revolutionsdiskurse: RAF, Landshut, Stammheim. Die Detailgenauigkeit des Szenenbilds mutet ironisch an: Graffitis („Nieder mit Honecker“) und Salzstreuer Marke Bad Reichenhaller schwelen an der Grenze zwischen Veränderung und Bewahrung, zwischen Aufarbeitung und einer Tanzakademie, die wie ein unveränderlicher Felsbrocken in den Boden eingelassen ist und deren Obrigkeit an überholten Ritualen festhält. Der Film verweigert sich mitnichten einer ideologischen Leseart.  

Übersättigt und nicht selten aufgesetzt lässt Guadagnino dabei jegliche Spuren von Erotik und Verführungslust hinter sich. Das ist einerseits clever, andererseits zuweilen fantasietot und gehemmt. Von „Suspiria“ (1977) sind, immerhin, Staubspuren erhalten geblieben – etwa das Abzählen von Schritten, wohingegen die Großflächigkeit des Originals (in dessen Kulissenkompositionen) höchstens in den verschwenderischen Fenstern der Akademie wiedererkennbar ist. Das intellektualisierte „Suspiria“ weißt folglich eine Palette an Abstufungsfarben auf, die sich untereinander lediglich gering abgrenzen – Berlin erscheint als tiefgrauer, von Starkregen durchweichter Rastplatz der Zivilisation, auf dessen Herz „Tanz“ steht. Was bei Argento einer Neuerkundung exaltierter Stilismen entsprach – eine „performative Momenthaftigkeit“  hat es der deutsche Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger genannt –, vergeht bei Luca Guadagninos „prosaischem“, will heißen: narrativerem, Ansatz umso bewusster. Obgleich der Filmemacher keinen maßgeblichen Wert auf das (Ekel-)Material des Genrefilms legt, gehören die Verrenkungen verknackster Körper, berauschter Tanzeinlagen sowie zackiger Parallelmontagen zu den beeindruckendsten Theaterinstallationen rohesten Horrors. Auf einen Fingerzeig in Richtung Dario Argento kann Guadagnino nicht verzichten, wenngleich die Irritationsstörungen vornehmlich durch das englisch gebrochene Wort (der Akteure) und Chloë Grace Moretz‘ kinetischer Performance widerhallen. „Suspiria“ hat einen Platz gefunden.

Tipp: Ein Berliner Double-Feature, bestehend aus „Possession“ (1981, Andrzej Żuławski) und „Suspiria“ (2018, Luca Guadagnino), dürfte manchen Filmabend bereichern, an dem Filmbegeisterte beteiligt sind, die irgendetwas „voll Schräges“ erwartet haben. Zur Unterstützung der Atmosphäre am besten bei diesigem Wetter genießen. Viel Vergnügen!       

Über Timo Kießling 37 Artikel
Der künstliche Graben zwischen vermeintlicher Hochkultur und vermeintlicher Trivialkultur existiert für mich nicht. Beides weiß, uns etwas über die Zeit zu sagen, in der wir leben. Deshalb interessiere ich mich für jegliche Sparten visuellen Geschichtenerzählens, besonders für die, in denen Bilder "Eruptionen, Zerwürfnisse und Chancen zwischenmenschlicher, lebensweltlicher Prozesse" metaphysisch einrahmen. Das Kino Michelangelo Antonionis, David Lynchs und Christian Petzolds inspiriert mich immer wieder. Ich schreibe über Filme, um mich an diese zu erinnern und um ein paar spannende Perspektiven auszugraben, die ich gern weiterverschenken möchte. Filmkritik ist Archäologie.

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