Kritik: The House That Jack Built

Im Zwiegespräch mit dem Teufel

© Concorde Filmverleih GmbH

Fünf Kapitel, fünf Vorfälle, ein Epilog.

Erster Vorfall. Die Frau und der Wagenheber.

Zweiter Vorfall. Die Frau und das Blut.

Dritter Vorfall. Die Frau und ihre Kinder.

Vierter Vorfall. Die Frau.

Fünfter Vorfall. Die Kugel.

Epilog. Die Hölle.

Die Geschichte des Serienkillers Jack (Matt Dillon) umfasst fünf Lebensepisoden und ein Urteil. Jack ist Architekt, er hat einen Wasch- und Ordnungszwang. Sein Traum ist ein Haus. Er tötet ohne Mitgefühl. Er schlüpft in Kostüme, um seinen Opfern aufzulauern. Seine Opfer, die toten Leiber, werden Kunstwerke. Obwohl die Idee verlockend klingt, einen Film von Lars von Trier als Genrefilm zu rezipieren, versagt „The House That Jack Built“ als Genrefilm. Der Serienkiller hat es nicht (mehr) leicht, sich unter den vielen Serienkillern durchzusetzen, die Kino und Wohnzimmer heimsuchen. Einen letzten originellen Zugriff zeigte David Fincher in seiner Netflix-Serie „Mindhunter“ auf, in der der Killer forensisches Beobachtungsobjekt war. Der Killer Jack hingegen ist ein tumber Killer – nicht besonders hintergründig, nicht besonders einfallsreich. Er mordet. Er liebt die Zerstörung und Zersetzung. Das ist alles. Lars von Trier liebt die Frauen und vergöttert seine Charaktere, aber Jack ist ein Abziehbild, das von jedem anderen hätte entworfen werden können. Wenn „The House That Jack Built“ als vorhersehbares, psychotisches Verdammnistraktat scheitert, dann überzeugt er, im zweiten wie im dritten Nachgang, als polemische Groteske und als didaktischer Exkurs.

Man könnte sarkastisch behaupten, dass „The House That Jack Built“ die Neugierde des Künstlers bändigt. Nach „Nymphomaniac“ (fünf Jahre vorher) glaubt der dänische Provokateur, den anekdotischen Diskurs adaptieren zu können – nicht nur Charlotte Gainsbourg und Stellan Skarsgård führten einen platonischen Dialog. An ihre Stelle treten Matt Dillon und Bruno Ganz, die eine Metaebene nach der anderen abklopfen, damit der Mord durch die Kunst legitimiert wird. Ganz ist Verge, ein apokalyptischer Botschafter, der die Beichte Jacks mit Fußnoten, Kommentaren und Pointen (meist) neugierig wie (allzu oft) entlarvend entlastet. Jack erfindet Scheingründe, seine „Arbeit“ zu verteidigen. Der Eindruck, dass der Filmemacher prophezeit und nicht der Schauspieler seinen Text spricht, vergeht zu keiner Sekunde. In der Theorie verteidigt von Trier seine Arbeit – eine Arbeit, die mit dem Schönen zusammentrifft, wenn sie das Schrecklichste preist. Wie Weintrauben, deren Gestalt durch Frost, Dürre und Pilze entstellt wird. Wie eine Eiche in Buchenwald, unter der Goethe vor Jahrhunderten dichtete. Diese beiden Analogien und gewitzten Metalepsen ordnen sich einem Film unter, der ansonsten unwahrscheinlich komisch jegliche Skandalhaftigkeit erstickt.

© Concorde Filmverleih GmbH

Die Komödie ist „The House That Jack Built“ nicht auszutreiben. Selbst jene zwei Szenen, die in Cannes eine schlagzeilenwürdige Massenflucht und gesteigerte Empörung auslösten – die Erschießung von zwei Kindern, eine gewaltsame Brustamputation –, werden in deren jeweiliger Vorgeschichte ironisch demaskiert. Ein Gewinn ist, wie von Trier Missdeutungen, Schizophrenien und Improvisationsfantasien zerdehnt, die eine ebenso absurde Heiterkeit wie selbstreflexive Interpretation erzeugen. Uma Thurman schwadroniert ausgerechnet über Serienkiller, die des Weges mit einem Lieferwagen kommen und vorgeben, ihr zu helfen. Jack flüchtet vor der Polizei, während der Kopf des toten Körpers seines Opfers blutige Asphaltstriemen zieht. Jack inspiziert den Tatort – vielerlei wahnhafter Eingebungen zufolge handelnd – nach Blutspuren, die sich, dem Auge nicht sofort erkenntlich, versteckt halten. Jack versucht darüber hinaus, mit einer einzigen Kugel mehrere Kopfschüsse zu verursachen. Dafür fehlt ihm das erforderliche Vollmantelgeschoss, das er sich in einem roten Pyjama besorgt. Matt Dillon ist teuflisch und ragt in den Film, in seine Geschichte hinein, die er seelenentspannt vor der Moral rettet.

Eine Frage allerdings stellte sich bei Lars von Trier nie: Die Frage nach der Erkenntnis im Zuge des platonischen Dialogs. Was bleibt haften von „The House That Jack Built“? Womöglich eine narzisstische, verspielte Collage, die mit weitaus weniger Raffinesse verleimt wurde. Ab und zu fragt sich der Däne selber, was in einem Sujet noch herausholbar ist, das längst – wie die Sensen, die im Atemschritt über das Gras pflügen – vollautomatisiert einer Vorlage Rechnung trägt. Lars von Triers Antwort liegt, neben gelegentlich satirischem Nonsens, zwischen Botticelli und Bosch. Der Epilog ist die einzige rauschhafte, die einzige aufregende Szene. Dabei war Jacks Schicksal vorgezeichnet, der Abstieg in die Hölle folgerichtig. Jack und Verge schweben in zwei Seifenblasen hinab zu Gestein und Wasser, laufen an einer romantischen Erinnerung Jacks vorbei und stehen schließlich auf einer Brücke, deren Weg hinauf, aus der Hölle heraus, zerstört ist. Jack wählt die Abkürzung, er kraxelt an den Wänden hoch, um auf die andere Seite zu gelangen. Ob Jack das schafft, was viele nicht geschafft haben, dürfte einzig vom Kunstverständnis Lars von Triers abgeleitet werden können, das in der poetischen Brutalität nach einer Erweiterung des Mordbegriffs strebt.                

Über Timo Kießling 37 Artikel
Der künstliche Graben zwischen vermeintlicher Hochkultur und vermeintlicher Trivialkultur existiert für mich nicht. Beides weiß, uns etwas über die Zeit zu sagen, in der wir leben. Deshalb interessiere ich mich für jegliche Sparten visuellen Geschichtenerzählens, besonders für die, in denen Bilder "Eruptionen, Zerwürfnisse und Chancen zwischenmenschlicher, lebensweltlicher Prozesse" metaphysisch einrahmen. Das Kino Michelangelo Antonionis, David Lynchs und Christian Petzolds inspiriert mich immer wieder. Ich schreibe über Filme, um mich an diese zu erinnern und um ein paar spannende Perspektiven auszugraben, die ich gern weiterverschenken möchte. Filmkritik ist Archäologie.

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