Zweitkritik: Mandy

Im Rot ertrinken

© Koch Media GmbH

Ein Filmabend, nachts. Monster lauern draußen. Das Monster drinnen wird von der Mattscheibe zurückgezogen, es kann nicht in die Wirklichkeit entfliehen. Red (Nicolas Cage) und seine Liebste Mandy (Andrea Riseborough) gruseln sich wohlig, als sie zu Abend essen und dabei gleichzeitig einen Gruselfilm sich ansehen. Jack Arnold, William Castle. Liebevoller Schrott. Red und Mandy verfolgen den Siegeszug des Monsters gespannt, ihr Essen schieben sie sich vorsichtig in den Mund, ohne den Blick abzuwenden. Die Suggestionsbegabung des Kinos lässt beide Protagonisten versinken – Zuschauer, Zombies, die auf einen Trick hereingefallen sind. Ihre abweisenden, abwesenden, aber nichtsdestotrotz süßen, sauren Gesichter sind dem Geschehen vor ihnen förmlich angeklebt. Gibt es Schöneres als diese Gesichter, die sich in ihrer Liebe zum Kino gegenseitig unterstützen und die Welt vergessen? In Panos Cosmatos Welt, der Welt von „Mandy“, geschieht alles. Aber der einzige Trick, auf den man bereitwillig hereinfällt, ist diese kleine Szene, verschluckt von vielen großspurigen. Dieser kleinen Szene glaubt man, sie wirkt „wahr“, „wahrhaftig“. Sie ist aus dem Bauch heraus entstanden. Cosmatos‘ Liebe zum Kino ist uferlos, obwohl er nirgends weiß, wohin damit. Er bedeckt alles und jeden mit einer sirupartigen Liebesspur„Mandy“ ist womöglich das nervenzermürbendste Blendwerk des Kinojahres 2018, eine Attrappe, der Liebe brutal eingeimpft wird.

Red verliert seine Liebste an eine Sekte. Der Genretradition gemäß, bewaffnet sich Red, um Rache zu schwören. Wer außer Nicolas Cage würde energetischer wie psychotronischer einen Mann verzerren, der sich auflöst in Bestandteile wirbelnder Atome? Wo Cage in der ersten, seltsamerweise ernster als ernsten Hälfte des Films im Hintergrund agiert, gehört ihm der (seltsamerweise ironischere als ironische) zweite Abschnitt. Cage im Cage-Modus: Vor einem Kill Koks schnüffeln, nach einem Kill Kippen anzünden, zwischendurch das T-Shirt wechseln, auf dem ein symbolischer Löwe abgedruckt ist. Cage schreit, wimmert, winselt. Die physischen Verrenkungszuckungen dieses unerhörten Schauspielers sollten „Mandy“ ein erlebendes Moment geben. Dennoch ist eine Szene – nur eine – dahingehend „frei“, dass sie Cage ohne Anweisungen belebt: Er säuft sich im Badezimmer die Leber aus dem Leib. Sonst ist Cosmatos bemüht, Cage über weite Strecken zu bändigen, worunter die intrinsische Überspanntheit seiner Performance leidet. Eher auf Kommando des Regisseurs lernt ein Darsteller die Physiognomie seiner Zeilen auswendig, der Zufälliges unterdrücken muss. Damit nimmt ihm Cosmatos das, was Cage stets kunstfertig kultivierte – ein transzendierendes Vulkanspiel weder für noch mit der Kamera, weder für sich noch für andere. In einem High-Concept-Film wie „Mandy“ unterliegt alles Unbequeme der Bequemlichkeit.

Der bizarre Schlagwitz eines Alejandro Jodorowsky, die farbexzessive Ästhetik eines Gaspar Noé und die rhythmische Unausgeschlafenheit eines David Lynch vermengt Cosmatos, um wenigstens ansatzweise ein Maß an Unkalkulierbarkeit zu etablieren. Die kosmische Dehnung vieler Einzelmomente zelebriert der Regisseur gleichwohl bis zur Selbstverliebtheit. Wofür diese Bilder stehen, was sie bedeuten und welchen Inhalt sie transportieren, bleibt unklar. Sie stapeln und inhalieren sich quasi selbstvergessen, als ob sie einen Desktop-PC verschönern könnten. Redundant gebrauchte Albernheiten wie eine immens verlängerte, phallische Kettensäge (die in einem Duell zum Einsatz kommt, das Tobe Hooper 1986 ausnehmend dynamischer in Szene setzte), Zeichentrickeinschübe oder ein erigierter Schneideschwanz verlassen nie das Stadium postpubertäter Protzigkeit, die über Gebühr auf ein, das Attribut gemünzt werden: Das Mitternachtskino soll „Mandy“ durchschütteln, aber was der Film tatsächlich missversteht, liegt in seinem Irrglauben, einen (Anti-)Zustand, der einst von Spontanität, Improvisation und Schlammbaden gekennzeichnet war, dogmatisch zu restaurieren und währenddessen die Zügel fest in der Hand zu halten. Das Resultat ist Cosmatos‘ „Mandy“, ein Mythos seines Schöpfers, der die Aufmerksamkeit braucht – und sie bis heute großflächig erhält. Alles richtig gemacht. Bis Panos Cosmatos erwachsen wird, dauert es noch.                  

Über Timo Kießling 37 Artikel
Der künstliche Graben zwischen vermeintlicher Hochkultur und vermeintlicher Trivialkultur existiert für mich nicht. Beides weiß, uns etwas über die Zeit zu sagen, in der wir leben. Deshalb interessiere ich mich für jegliche Sparten visuellen Geschichtenerzählens, besonders für die, in denen Bilder "Eruptionen, Zerwürfnisse und Chancen zwischenmenschlicher, lebensweltlicher Prozesse" metaphysisch einrahmen. Das Kino Michelangelo Antonionis, David Lynchs und Christian Petzolds inspiriert mich immer wieder. Ich schreibe über Filme, um mich an diese zu erinnern und um ein paar spannende Perspektiven auszugraben, die ich gern weiterverschenken möchte. Filmkritik ist Archäologie.

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