Kurz notiert: Zwei Miniserien von Bruno Dumont

Der andere Planet

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KINDKIND

(„P’tit Quinquin“, F 2014)

Verdutzt und verschlagen schaut Kindkind (Alane Delhaye) einem launischen Polizisten („der Nebel“: Bernard Pruvost) nach, nachdem der Serienmordfall gelöst ist. Oder auch nicht. Göttliche Eingebung. Leichen, so speckig wie bei Rubens. Zerstückelt, Tierfutter. Kindkind, ein Rotzlöffel und Lausbub, grinst. Es ist das Grinsen eines Beweises, dass gar nichts zählte. Bruno Dumonts minimalistisch klapperndes, durchstreichend denkendes Serienexperiment „Kindkind“ spielt in einer bäuerlichen Provinzdorfschaft – entschleunigt, tatterig, durchgeknallt. Wiesen, Meere, Bunker. Musikalisch erregte Pfarrer, trällernde Schnepfen und Macken zuhauf. Assistenten, die auf zwei Rädern Auto fahren. Vorgesetzte, die aufgrund ihres Kindheitstraumes reiten. Vermummte Täter, die auf Trauerfeiern durch die Menge schreiten. Spastische Verrenkungen. Lähmender Sprech. Es ist das Demaskierende, um das Dumont feilscht, den Slapstick zu überziehen, die nichtige Lösung herauszufordern und das Körperpathologische einer Nullsummensprache, deren Fallhöhe sich nach unten korrigiert, je weiter die Protagonisten (um den Kreis) reisen. Dumont filtert krause Gesichter, die, sekundenlang betatscht und begrapscht, eine aussichtslos-irritierende Geschichte erzählen, während der Anarchowahnsinn dieser vier Folgen vereinnahmenden Miniserie ein Genre durchschüttelt, seine Besetzer, seine kreuzbrave Biederkeit und sein Ordnungsschlaraffenland. Kindkind pflegt nebenbei eine herzensschöne Romanze, aber selbst hier ist er sich nicht sicher, ob er sie küssen oder umarmen soll. Das Genießen, das Vorhersagbare verliert die Fassung, der Verlust züngelt.

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QUAKQUAK UND DIE NICHTMENSCHEN

(„Coincoin et les z’inhumains“, F 2018)

Schmiere, überall Schmiere, Migranten „imigrieren“, Polizisten („Gendarmerie nationale!“) fahren auf zwei Rädern. In der zweiten Staffel „Quakquak und die Nichtmenschen“ – nach „Kindkind“ – erhebt Bruno Dumont eine anbrechende Apokalypse zu frohgemutem Verunsicherungsmagma: Außerirdische (oder doch keine?) klonen die Bewohner eines (in der ersten Staffel etablierten) französisch verschlafenen Wald- und Wiesenfleckchens, um die Weltherrschaft gleichermaßen unauffällig wie charmant an sich zu reißen. Während Dumont „Kindkind“ tonal quasi klont, erlaubt er seinen verkrampften Menschenskindern, das „Ende der menschlichen Welt“ ohne Angst mitzuerleben. Einzig die Küsse, vor allem die zwischen Quakquak (beseelt: Alane Delhaye) und seiner neuen Freundin Jenny (kess: Alexia Depret), matschen und schmatzen wie ein Kaugummi, der zerkaut wird. Dumont musste nicht extra darauf hinweisen, dass nichtmenschlicher „Braunkack“ von oben herabregnet – dort, wo Quakquak ohne Führerschein Auto rast und Van der Weyden (Bernard Pruvost) halsverrenkend ermittelt, entgleitet alles Konventionelle und verbrennt alle Konfektionsware, haben sich die Aliens unlängst in ein Menschenkostüm gezwängt. Dieses Menschenkostüm besteht aus Nähten von Kontraktionen – Bruno Dumont würgt den Zuschauer und schüttelt ihn, wenngleich er die Handlung, als Kommentar aktueller Schieflagen, migrationspolitisch erweitert. Eine moralische Belehrung bleibt trotzdem aus. Dumont fürchtet sich vor nichts. Das Ende besiegeln alle, sie besingen, beklatschen und betanzen es. Sie sind alle gleich.

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