Kritik: Glass

Der Held in der Krise

© Disney

David Dunn. Unzerbrechlich.

Elijah Price. Zerbrechlich.

Kevin Wendell Crumb. Zersplittert.

19 Jahre nach „Unbreakable“ (2000) begegnen sich drei Superhelden wider Willen, die erst üben müssen, sich als solche begreifen zu lernen. Bruce Willis, Samuel L. Jackson und James McAvoy vervollkommnen ein Ensemble-Orchester, das der indische Mystery-Magier M. Night Shyamalan nach zwei Vorgängerfilmen zusammenführt. Bezog sich „Unbreakable“ auf einen Mann (Willis), der wundersamerweise ein Zugunglück überlebt hat, und seinen Widerpart (Jackson) in einem dialektischen Licht- und Schattencomic kennenlernte, fächerte Shyamalan in „Split“ (2016) das gewalttätige Ego eines Patienten (McAvoy) mit multipler Identitätsstörung auf. Drei Menschen, drei Fähigkeiten – und ihre heimatlose Wildfremdheit in einer fragmentierten Postmoderne. Wo sich Shyamalan – zumindest in „Unbreakable“ – als talentierter Handwerker vorstellte, der in sperrigen und kunstvollen Einstellungen die existenzielle Begegnung des Menschen mit kosmischen Kräften untersuchte, zieht „Glass“ alle Register eines ulkigen Spätwerks des Regisseurs: ein gepresster, psychologisch bräsiger, nicht selten unfreiwillig komischer Film auf wechselnder Betriebstemperatur, der den Heldentod stirbt.

M. Night Shyamalan sah, so der 49-Jährige auf der CinemaCon 2018, den „ersten bodenständigen Comicfilm“ vor. Der inflationäre Einsatz der (schlecht getricksten) „Bestie“ (McAvoy) konterkariert allerdings, unter Umständen, das Attribut „bodenständig“. Eher ist „Glass“ – wie „Unbreakable“ und „Split“manchmal ein Filmgeschichte entrümpelnder Exploitationfilm, manchmal ein gegenwartsreflexiver Comic, der über sein eigenes Format sinniert und eine flammende, dem Popheiligen verhaftete Rede hält. Insofern gleichen sich die Charaktere Willis‘, Jacksons und McAvoys, indem sie Comic-Archetypen metatextuell entsprechen. Der „Held“, der „Mastermind“ und sein deformierter „Handlanger“ bevölkern eine Origin-Story, die zugleich den Status des Heldischen in einer „postheroischen Gesellschaft“ (Herfried Münkler) kommentiert. Hierin weiß Shyamalan, einen geradewegs doppelbödigen, zumeist auch angenehm empathischen Film zu inszenieren, der das Exorbitante vieler Comicverfilmungen realistisch erdet. Aber sowohl die Selbsthinterfragung als auch das schlussendliche Spektakel, auf das der Regisseur offenbar unmöglich verzichten kann, schlagen in die extremsten Richtungen beider Seiten aus.    

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Der moderne Superheldenfilm verlangt es, dass sich dessen Titelheld therapiert. Nicht nur seit der „TheDarkKnight“-Trilogie (2005-2012) verfinsterte sich der Idealismus des Außenseiters insoweit, dass sich die übernatürliche Individualität des Helden psychisch auch gegen sich selbst wenden kann. Folgerichtig treffen die drei ungleichen Protagonisten in „Glass“ in einer psychiatrischen Klinik aufeinander. Dort setzen sie sich mit der Frage auseinander, ob sie sich ihre Fähigkeit, anders als der Rest zu sein, einbilden oder nicht. Während Sarah Paulson ein Schild auf ihrem Rücken trägt, auf dem dick und breit ihre Berufsbezeichnung („ignorante Wissenschaftlerin“) vermerkt ist, walzt Shyamalan diese Szenen, die den Großteil des Films ausmachen, unendlich aus. Höhepunkt dürfte eine an die zehn Minuten dauernde Gruppensitzung sein, die mittels Schuss-Gegenschuss-Montage unsäglich fantasielos die Hilflosigkeit eines einstigen Bildverstehers unter Beweis stellt, der sich in seiner Wichtigtuerei stets verhaspelt. Es ist, davon einmal abgesehen, ohnehin zu bezweifeln, ob Shyamalan überhaupt diese Frage in dieser Breite verhandeln muss – schließlich verformte sich in „Unbreakable“ bereits die physikalische Umgebung, als David Dunn (Willis) aus dem Fenster stürzte.

Viel Zeit für eine Frage also, deren Antwort seit 19 Jahren feststeht. Nie wirklich verliert sich „Glass“ in seinen Paradoxien, allzu umständlich dialoggetrieben stagniert das Geschehen unter dem Vorwand, die Größe des Diskurses damit zu steigern. Die Intertextualität zwischen drei Filmen verlangt es zudem, dass Shyamalan nicht nur die Haupt-, sondern ebenso die (gealterten) Nebenfiguren einbinden muss. So erscheinen Dunns Sohn (Spencer Treat Clark), Elijahs Mutter (Charlayne Woodard) sowie das ehemalige Entführungsopfer Kevins (Anya Taylor-Joy) als der Handlung untergeordnete, hineingezwungene Verweisketten, die die Origin-Story insgeheim augenzwinkernd komplettieren – nur durch Liebe kann das Biest gebändigt werden. Wenn Dunns Sohn Joseph (Clark) sich an einen intimen Moment aus „Unbreakable“ erinnert – Vater und Sohn testeten gemeinsam Gewichte aus –, dann gelangt der Film über reines selbstreflexives Stichwortgeschiebe hinaus. Ob „Glass“ jedoch eine komplexere Alternative zu Marvel und DC ist, darf angezweifelt werden. Die „Erdung“, die Shyamalan einst proklamierte, ist spätestens im letzten Drittel Geschichte: die Verschwommenheit der Identität macht Platz für einen privilegierten Geheimbund und der Held bekämpft doch wieder seine Feinde, um doch wieder unsterblich zu werden.        

Über Timo Kießling 48 Artikel
Der künstliche Graben zwischen vermeintlicher Hochkultur und vermeintlicher Trivialkultur existiert für mich nicht. Beides weiß, uns etwas über die Zeit zu sagen, in der wir leben. Deshalb interessiere ich mich für jegliche Sparten visuellen Geschichtenerzählens, besonders für die, in denen Bilder "Eruptionen, Zerwürfnisse und Chancen zwischenmenschlicher, lebensweltlicher Prozesse" metaphysisch einrahmen. Das Kino Michelangelo Antonionis, David Lynchs und Christian Petzolds inspiriert mich immer wieder. Ich schreibe über Filme, um mich an diese zu erinnern und um ein paar spannende Perspektiven auszugraben, die ich gern weiterverschenken möchte. Filmkritik ist Archäologie.

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