Kritik: Green Book

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Wieso sollte Green Book den Oscar gewinnen? In der Regel beginnen Kritiken immer mit einer Zeile aus der Handlung oder der ersten Einschätzung oder Hintergrundwissen. Doch hierbei handelt es sich nicht nur um eine simple Filmkritik, sondern vielmehr eine Analyse und dem schlussendlichen Resultat warum „Green Book“ der perfekte Oscargewinner ist.

Green Book wurde von vielen Kritikern als unkritisch bezeichnet, so sollte der Film zwar zumindest in den Augen vieler Kritiker eine Kritik am Rassismus sein, was auch den Titel „Green Book“ erklärt, was früher in den USA eine Art Reisefibel für Schwarze war, wenn sie irgendwo einkehren wollten, sozusagen das damalige Trivago, nur halt von Rassisten geschrieben. In diesem Punkt kann man den guten Herrschaften zustimmen, es ist keine tief dramatische Kritik am Rassismus wie „Twelve Years a Slave“, den man sich dank seiner Schwerfälligkeit wahrscheinlich kein zweites Mal ansehen kann, sondern er ist anders.

Im Grunde genommen passt „Green Book“ nirgends rein, genauso wie seine Charaktere driftet er irgendwo zwischen Feel Good und Charakterstudie, ein richtiges Drama wie der erst genannte ist er aber nicht. Stattdessen packt Green Book nicht die Schwarz/ Weiß Keule aus, die sich seit einigen Jahren durch die Kinos zieht, sondern er zeigt beide Seiten auf, die Vorurteile, die Gemeinsamkeiten, die Unterschiede und wieso diese Gedankengänge so verwerflich sie auch sein mögen, in jeden selbst manchmal vorkommen. Denn wenn wir einwas wissen, dann das es keine vorurteilsfreien Menschen gibt. Was Green Book auszeichnet, ist vor allem die charmante Fingerkonstellation, ein Schwarzer Pianist, der um Anerkennung kämpft und ein Italoamerikaner, dem es genauso geht. Sie beide haben gegenüber dem anderen Vorurteile, doch auf der Fahrt durch die Südstaaten entdecken sie immer mehr auch ihre Gemeinsamkeiten, so hilft der Doc, Tony beim verfassen von Briefen an seine Frau, da der nie weiß, wie er seine Gefühle in Worte ausdrücken kann. Tony im Gegenzug hilft dem Doc sein Selbstbewusstsein aufzubauen und sich nicht alles gefallen zu lassen, wie zum Beispiel wo der Doc und Tony nicht in einem Saal gemeinsam essen dürfen, aber er soll dort für die Leute später als musikalische Unterhaltung auftreten. Beide unterstützen sich gegenseitig, Doc bringt Tony bei sich in feiner Gesellschaft auch fein zu verhalten und Tony dem Doc auch mal ausgelassen zu feiern.

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Im Grunde genommen ist „Green Book“ kein vordergründiges Rassismusdrama, sondern eher ein Film über Freundschaft und das starke an dem Film sind seine beiden Hauptfiguren wunderbar gespielt von Viggo Mortensen, der wirklich in jeder Szene glaubhaft als Italoamerikaner auftrumpft und Mahershala Ali, der seinen Ruf mehr als gerecht wird und seine unglaubliche Leistung in Moonlight sogar noch toppt. Der Film macht Spaß, hat wunderbare Klavierspielszenen, versprüht ein Charisma eines „Mrs Daisy und ihr Chauffeur“ und gehört vielleicht bald zu den Oscargewinnern, die man sich ruhig auch ein zweites Mal ansehen kann ohne dabei in tiefste Depressionen zu verfallen. Es muss nicht immer nur Kritik sein, manchmal ist es auch gut einen Film zu zeigen, der ein Licht am Ende des Tunnels hat, wo der Zuschauer mit einem guten Gefühl rausgeht und denn man auch in großer Gesellschaft genießen kann.

Und so ein Film ist Green Book. Er wirkt nie zu lang, hat eine tolle Dynamik die sich durch den gesamten Film zieht und wirkt eher wie ein modernes Road Movie. Dafür das es der erste eigenständige Film von Peter Farrelly von den Farelly Brüdern ist, der durch Slapstick Komödien mit seinem Bruder wie Dumm und Dümmer berühmt geworden ist, ist das schon eine bemerkenswerte Entwicklung, da dieser Slapstick Einfluß in Green Book in keiner Szene vorhanden ist. Es ist ein Film mit einer ernsten Thematik, aber auch einer Leichtigkeit, die man vielen Oscarfilmen wünscht.

Über Marcel 526 Artikel
Film ist eine Sprache die jeder versteht. Egal ob in serieller Form oder als Animation, Film dient den Menschen als Unterhaltung und begeistert durch seine Vielfältigkeit. Sei es auf den Ebenen der Erzählung, Effekten oder Charakteren. Film ist aber nicht nur eine Sprache, sondern eine Kunstform, ganz gleich in welcher Art und Weise. Das was ich an Film und allgemein an Medien liebe, ist die Vielfältigkeit, die verschiedenen Ebenen insbesondere die Meta Ebenen und in neue Welten einzutauchen. Aber auch Kritik und Lösungsvorschläge filmisch an unserem heutigen System auszuüben und zu zeigen, wie die Welt in der Zukunft aussehen könnte. "Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein".

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