Kritik: Vice

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Adam McKay dürfte die Glaubwürdigkeit einer ehrlichen Socke haben. Rundheraus gibt er zu, dass sein Biopic „Vice“ anerkannten Begebenheiten aus der biografischen Mediensammlung Dick Cheneys entspreche, um gleichzeitig die (verräterisch sarkastische) Fußnote anzufügen, dass nach bestem Wissen und Gewissen die Begebenheit auf der Freischöpfung kohärenter Dichtung gründe. Wie auch sonst? Denn McKay wählte einen verschwiegenen Politiker, der seine Rolle im Hintergrund hinreichend effektiv zu bespielen wusste, damit er sich nicht in die erste Reihe setzen musste. Aber Christian Bale zwingt keinen verschwiegenen Politiker zu seiner Auferstehung, so wie Christian Bale überhaupt keinen (körperlich) verschwiegenen Menschen jemals zu seiner Auferstehung zwang. Tatsächlich ist „Dick“ Opfer seiner eigenen (ungewollten) Attitüde: ein Mann, über den der Schulhof lachte – und nicht nur wegen seines albernen Namens.

Machte McKay einst die Finanzbranche transparent („The Big Short“, 2015), indem er sich auf ihr Karussellvokabular einließ, karikiert McKay in „Vice“ die Körperlichkeit Cheneys. Eine Riesenplauze hat er sich durch süßes Gebäck angefressen, er telefoniert, während er (s)ein Messer kampfbereit hält, und soff sich in jungen Jahren die Kotze aus dem Magen. Von halbgöttlicher Dummheit gesegnet scheint jener Dick Cheney. Und Christian Bale leiht ihm ein aufgeweichtes Marshmallow-Antlitz aus Diskretion und Morbidität. Wie hat es dieser Mann bloß zum Vizepräsidenten geschafft? „Vice“ erhellt die Verständnislücken kaum. Das kann als Stärke gesehen werden – immer, wenn uns Dick Cheney, zum Beispiel beim familiären Angeln, die Hand reicht, entzieht er sie uns sogleich. Aber vor allem geriert sich Adam McKay als vermeintlich aufgeklärter Liberaler, der sich dem Angler Dick Cheney nicht nähern will, sondern einem Dämon, der mit dem Teufel im Bunde ist.

Wenn eine Satire lediglich Verkaufsargumente und Vorverurteilungen bestätigt, dann hat McKay nicht verstanden, dass „Vice“ höchstens ansatzweise eine (kluge) Satire ist. Im Biergarten wäre dieser Film besser aufgehoben – die permanenten anekdotischen Erzählspurwechsel, ein vorzeitiges Happy End sowie die performative Rückversicherung, als Regisseur selbst dem Vorwurf einseitiger Berichterstattung den Wind aus den Segeln zu nehmen, lancieren ein sich als politisch affin erklärendes Publikum, das der großen Schlagzeile unhinterfragt vertraut. Und die große Schlagzeile poppt in „Vice“ omnipräsent auf: Cheney, der Verantwortliche. Das McKay-Archiv unter Verschluss gehaltener Operationen ist schier unüberschaubar. Auf Dick Cheney geht Irak, Afghanistan, Folter, Guantanamo und Abu Ghraib zurück, Dick Cheney war es, der auf Beutezug ging, Cheney war es, der die Administration der Macht in autonomer Eigenregie missbrauchte.

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Dass jede Macht einen Charakter und einen Raum braucht, in dessen strukturellem Nährboden sie heranwächst, übergeht Adam McKay geflissentlich. Vielmehr simplifiziert er einen Entscheidungsträger auf jene Entscheidungen, die im letzten Akt des Handlungsvollzugs längst feststehen. Entlarvend will „Vice“ sein, spult jedoch durchweg moralinsaure Ressentiments ab. Dazu passt, dass Cheneys Umfeld mit karikaturesker Stimme platte Wahlkampfsounds echot: Donald Rumsfeld (Steve Carell) will es, das frenetische „Ja!“, das seine Laufbahn legitimiert, wohingegen Cheneys Ehefrau Lynne (Amy Adams) ihren eigenen apodiktischen Krieg führt, für den zunehmend kein Platz mehr bereitgestellt wird. Der Blickwinkel ist eng, auf den sich McKay konzentriert – allein, ihm sind die Menschen fremd. Der Vorschlaghammer, dessen sich der Regisseur bedient, zerbröselt die Charakteristik einer reflektierten Satire, dort anzusetzen, wo wenig Gegenliebe herrscht.

Ansätze dafür existieren durchaus. Die originellste Idee des Films ist es, dass die Speisekarte beim Dinner republikanisch konsequent eine Umformulierung erfährt. Für einen kurzen Augenblick überholt McKays Zynismus die Wirklichkeit – und deutet eine Wirklichkeit an, in der die Welt insoweit ideologisch verwaltet ist, dass sie in die kleinsten Ritzen alltäglicher Gebräuche eindringt. Mag auch Colin Powell (Tyler Perry) in seiner Rolle zu eindimensional geschrieben sein, liefert er sich mit Rumsfeld (Carell) einen weiteren hochinteressanten Schlagabtausch: Gegen die Einwände Powells, in den Irak einzumarschieren, hat Rumsfeld müde, gellende Kinderlaute übrig. Auf den Punkt hin inszeniert, ist die Vernunft gegen postfaktische Abschottungsdeklamationen wirkungslos. Zu Dick Cheney fällt Adam McKay dagegen gar nichts ein. Er verharrt regungslos, als ihm seine Tochter (Alison Pill) gesteht, sie sei lesbisch. Er ist kein Shakespeare. Aber sein Lehrer ein Michael Moore.

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