Kritik: „The Sisters Brothers“

©Wild Bunch

Das Licht ist aus, da ein Knall, hier ein Schuss, da ein Schrei.“ Wir sind die Sisters Brothers!“ tönt es aus dem Off, danach erkennt man langsam ein Bild, nur um zu sehen, dass der eigentliche Spaß schon längst vorbei ist. Lediglich Joaquin Phoenix erledigt noch ein paar Aufräumarbeiten und dann ist der erste Streich der „Sisters Brothers“ vollzogen. Danach folgen noch ein paar Sprüche von Phoenix an John C. Reilly und zurück und schon geht es los zum nächsten Job. So ungefähr könnte man die ersten Minuten vom Dramady Western zusammenfassen.

Allerdings suggeriert der Trailer ein völlig falsches Bild vom Film. Denn „The Sisters Brothers“ ist überraschenderweise sehr ruhig inszeniert. So gibt es hier wenig bis keine Schießereien, viele Landschaftsszenen, in denen so gut wie gar nichts passiert Duelle sind rar gesät und scheinbar kommen die meisten Städte/ Dörfer auch gar ohne Sheriff aus. Nur Verbrecher und Kopfgeldjäger und im wahrsten Sinne des Wortes, Weiber. Da ein Witz, da eine seltendämliche Aktion, unterlegt mit einem Jake Gyllenhaal Voice Over, der wie wenig überraschend auch ein Kopfgeldjäger ist und anscheinend auch Detektiv/ Schriftsteller ist bzw. werden wollte. Allgemein dreht sich der Film hauptsächlich um zerplatzte Träume, Vergangenheitsbewältigung und der Blick in eine verheißungsvolle Zukunft. So switcht der Film ständig zwischen den Sisters Brothers und Gyllenhaal und seiner Mission hin und her. Warum, versteht man erst nach ein paar Minuten, wo man sich ständig fragt, wer spielt jetzt eigentlich was, wer ist Protagonist und wer Antagonist?


© Wild Bunch

Es ist mit diesem Film wie bei einer Kurzgeschichte, du wirst in eine bereits laufende Handlung hineingeworfen, ohne eigentlich irgendeinen Plan zu haben, die Figuren reden im Präteritum über andere Figuren die du nie kennengelernt hast und wieso eigentlich wer wen jagt, wird auch erst nach der Hälfte des Films klar. Hauptsächlich verlässt sich der Film drauf, dass man den Darstellern folgt und nicht dem eigentlichen Film. Und auch wenn C. Reilly und Phoenix als ungleiches Brudergespann hervorragend funktionieren und auch ein paar der Witze auch zünden, beschleicht einen irgendwie das Gefühl, dass der Film nicht ganz weiß, in welche Richtung er eigentlich gehen will.

Er zieht von Stadt zu Stadt, über Tal und Berge und Wald, hier eine kurze Schießerei, die die Brüder natürlich triumphierend gewinnen und in der nächsten Stadt angekommen, stellen sie wieder einmal fest, dass sie zu spät eingetroffen sind. So geht das immer und immer weiter, bis sie dann endlich auf ihre Ziele treffen. Was dann allerdings passiert, widerspricht wohl jeglicher Logik und so schafft es der Film, den ganzen Zeitraum über, so undurchsichtig wie irgend möglich zu bleiben. Allerdings ohne Plan und Ziel weiß das nur eine kurze zeit-lang zu gefallen und fängt danach schnell an, zu langweilen. So füllen sich 112 Minuten wie 132 an, aber dennoch: Das Setting ist gelungen, die Darsteller bis zur Perfektion hin in Szene gesetzt und auch soundtechnisch ist alles in bester Ordnung. Nur kann das nicht über die Belanglosigkeit der Story hinwegtäuschen und der Tatsache, dass man hierbei einen klassischen Western erwartet hat, aber ein Beziehungsdrama im Westernflair serviert bekommt. Keines im klassischen Sinne sondern eher über die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Männern, zum einen der der Brüder, zum anderen über Gyllenhaals Charakter bis hin zum eigentlichen „Ziel“.


© Wild Bunch

Denn in diesem Film spielen Frauen eine untergeordnete Rolle, hauptsächlich geht es um Männer. Ein Testosteron, gesteuertes Drama, mit Witzen über Männer, Ängsten und Sehnsüchten von Männern, die versuchen, ihren Platz in der Welt zu finden, nur um am Ende wieder bei Mutti zu landen. Wenn man sich mit diesem Gedanken abgefunden hat, kann der Film durchaus interessant sein und könnte mit mehrfachen Sichtungen auch seine Vielschichtigkeit entfalten, da man nun um einiges schlauer ist. Nur lohnt es sich überhaupt einen Film anzusehen, den man erst bei der Zweitsichtung verstanden hat?

Über Marcel 532 Artikel
Film ist eine Sprache die jeder versteht. Egal ob in serieller Form oder als Animation, Film dient den Menschen als Unterhaltung und begeistert durch seine Vielfältigkeit. Sei es auf den Ebenen der Erzählung, Effekten oder Charakteren. Film ist aber nicht nur eine Sprache, sondern eine Kunstform, ganz gleich in welcher Art und Weise. Das was ich an Film und allgemein an Medien liebe, ist die Vielfältigkeit, die verschiedenen Ebenen insbesondere die Meta Ebenen und in neue Welten einzutauchen. Aber auch Kritik und Lösungsvorschläge filmisch an unserem heutigen System auszuüben und zu zeigen, wie die Welt in der Zukunft aussehen könnte. "Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein".

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*