Kritik: Mid90s

Die erblühende Jugend

© MFA+ FilmDistribution e.K.

Kein Vergangenheitskitsch, keine Nostalgie, keine Rührseligkeit. Die 90er vibrieren, schreiben sich in das Holzstück ein, das zur Schau gestellt wird. Aber sie erzittern, wuchern, wummern nicht. Turtles-Bettwäsche, Wu-Tang-Clan-Poster, Discman, Skateboards. Viele Schuhe, No-Name-Shirts. Wasserbehälter. Nichts in „Mid90s“ will sich aufdrängen, vieles bereichert schlicht den sozialen Identitätsraum hinter den Figuren, in dem sie sich bewegen und interagieren. Die Verklärung gegenüber den bestenfalls kultigen, schlimmstenfalls egozentrischen Zeiten der Adoleszenz, wie sie sich gegen die Ordnung und Ordnungen auflehnt, findet der Zuschauer in anderen Filmen vor. „Mid90s“ handelt nicht über Kultur, Kunst, über eine Epoche im Allgemeinen, über ihre Auswirkungen im Gefüge, sondern über eine Generation, die nie aufhörte, überhaupt eine zu sein. Fans von „Kids“ (1995), „Boyhood“ (2014), „American Honey“ (2016) und „The Florida Project“ (2017) werden die Signale zu deuten wissen, die, ausgehend von diesen Filmen, zugleich auf das Regiedebüt Jonah Hills überschwappen: Signale durchfließender Findung.

Dieser einladenden, leichtfüßigen Unbeständigkeit wird nicht der geringste Einhalt geboten. „Mid90s“ kommt ohne ein Ziel aus. Hill erzählt elliptisch ein Teilstück verweilenden Lebens, indem er das Ende als Anfang begreift. Fest zusammengehalten wird der Film von fünf Kindern, die sich als „Homies“ verstehen lernen. Die überschaubare Lauflänge gebietet es, dass alle fünf höchstens mit ein, zwei Sätzen direkt verstehbar werden, wohingegen sie meistens indirekt über ihre Leidenschaften und Obsessionen sich mitteilen – über ihr Tun, über ihre Großspurigkeit, über ihre Nähe zueinander. Ray (Na-kel Smith), angehender Profi-Skater und emphatischer Letztbegründer, stellt sie uns vor: Fuckshit (Olan Prenatt), blonde Mähne, schlecht im Bett, unnachahmlich im Dauerpartymodus, hinzu kommen Fourth Grade (Ryder McLaughlin), bauernschlau und arm, aber mit bewundernswürdigem Auge, sowie Ruben (Gio Galicia), der, statt die Wohnungstür zu öffnen, an ihr lieber abbiegt. Die Konflikte – Eifersüchteleien und Enttäuschungen sowie häusliches Missbehagen – banalisiert Hill zugunsten von Stimmungsbildern.

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Dialoge um Hautfarben leiten daher keine Agenda ein, sie sind Material für Albernheiten. Selbst als der „Neue“ (Sunny Suljic) eine Möglichkeit findet, die Gruppe zu erweitern, wurzelt der Zusammenhalt dieser Gemeinschaft auf entpolitisierten Werten, die nicht einmal aufgeschrieben, kodifiziert, diskutiert zu werden brauchen: Ein „Danke“ ist angemessen, nicht schwul. Jonah Hill filmt den Zirkus dieser Jungs, ohne normative Setzungen vorzunehmen, ohne ihr Verhalten weder zu entschuldigen noch zu verurteilen. Damit ist er Fourth Grade nahe (McLaughlin). Später als Regisseur tätig zu sein, ist der Traum dieses schüchternen, pickeligen Künstlers, der nicht nur in seinem eingekapselten Habitus interessant(er) wirkt, als auch in dem Paradoxon, eines Tages zu dirigieren, obgleich dafür vor allem überzeugende Worte notwendig sein werden. An Stelle der Selbstvermarktung, etwas darzustellen, nimmt Fourth Grade im Hintergrund die Unwichtigkeiten im Vordergrund auf, schwenkt die Kamera neugierig und hält sie wissbegierig – egal, was vor seine Linse gerät. „Mid90s“ dokumentiert mithin die Gehversuche von Bildern bewusster Herstellung von Verantwortung.   

Körnige Texturen, ausgewaschene Farben und Bilder im 4:3-Format sind geeigneterweise die formalästhetischen Insignien Jonah Hills, dem, wenn man will, erwachsen gewordenen Fourth Grade, der mit „Mid90s“ trotzdem keinen verwackelten Amateurfilm abliefert – zu professionell kontrolliert er sein Handwerk. Eine Sensation für sich ist ohnehin der Clou, Sunny Suljic entdeckt zu haben. Von seinem großen Bruder Ian (Lucas Hedges) tyrannisiert, der literweise O-Saft in sich reinwürgt, muss „Sunburn“ Stevie (Suljic) ungemein ausdauernd einstecken, ehe er unersetzlicher für jenen Kreis wird, dem er durch einen passiven Initiationsritus angehört. Auch wenn das Drehbuch, zum Schluss hin, einige Verrenkungen in Kauf nimmt, „Entwicklungen“ auszukosten, die das Drama gezielt befeuern, öffnet sich der Bedeutungsschatz rund um die Skaterszene (einer popkulturell erst im Anmarsch sich befindlichen Gegenwartsgesellschaft) schlussendlich einer klirrenden, aufrüttelnd emotionalen Schönheit, für die jedes Wort viel zu viel wäre und die am liebsten im Schlaf, im Traum, im Warten, im Wartezimmer vollständig wird. Die Zeit ist unumkehrbar, aber nie tot.

Über Timo Kießling 53 Artikel
Der künstliche Graben zwischen vermeintlicher Hochkultur und vermeintlicher Trivialkultur existiert für mich nicht. Beides weiß, uns etwas über die Zeit zu sagen, in der wir leben. Deshalb interessiere ich mich für jegliche Sparten visuellen Geschichtenerzählens, besonders für die, in denen Bilder "Eruptionen, Zerwürfnisse und Chancen zwischenmenschlicher, lebensweltlicher Prozesse" metaphysisch einrahmen. Das Kino Michelangelo Antonionis, David Lynchs und Christian Petzolds inspiriert mich immer wieder. Ich schreibe über Filme, um mich an diese zu erinnern und um ein paar spannende Perspektiven auszugraben, die ich gern weiterverschenken möchte. Filmkritik ist Archäologie.

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