Kritik: Wir

Zwei Autoren, zwei Sichtweisen, ein gemeinsamer Schatten

© Universal Pictures Germany

Vorwort:

Im Jahre 2017 brachte Regisseur Jordan Peele seinen ersten Horrorfilm, mit dem Namen „Get Out“ unter die breite Masse der Kinosäle dieser Welt. Durch seine politischen Anspielungen, und die schwarzhumoristisch angehauchte Grundstimmung, sowie die atmosphärische Raffinesse ein Geheimnis in der Dunkelheit zu verwahren, wuchs dieses Erstlingswerk zu einem kleinen Geheimtipp, den Horrorfans aus aller Welt gleichermaßen mit Ruhm überschütteten. 2018 konnte deshalb nicht nur ein Oscar mitgenommen werden, sondern auch zahlreiche Auszeichnungen, die immer nur eine große Frage in den Raum stellten. Was für ein Regisseur wird aus diesem Mann?

Mit seinem neuen Werk „Wir“ haben wir endlich eine Antwort auf diese brennende Frage erhalten, die zwei Autoren von uns auf eine letzte Reise schickt. Gemeinsam ergründen sie die Tiefen der menschlichen Einzig- und Einheitlichkeit, um sich zum Ende die entscheidende Frage zu stellen.

Wer sind „Wir“?

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Kritik (Timo):

Bemühen wir uns nicht alle, das Unglück unserer Lust zu mäßigen? Normalisieren wir uns nicht Tag für Tag, um an einer sozialen Gesellschaft zu partizipieren? Sind unsere Neigungen, Wünsche und Triebe nicht Kaninchen, die in katastrophenresistente Käfige gepfercht werden (müssen)? Das ist die Metapher, die Jordan Peele in „Wir“ wählt. Nach seinem Achtungserfolg „Get Out“ (2017), der sich auf selbstbewusste Weise einem (nicht nur) digitalen Alltagsrassismus verschrieb und in dem die Smartphone-Knipse zum Unterdrückungsinstrument pervertiert wurde, vergrößert Peele die Perspektive in „Wir“: Zwar wird eine afroamerikanische Familie in den Bannkreis verstörender Ereignisse befördert, aber „Wir“ ist kein Film über Rassismus. „Wir“ – der deutsche Titel pulverisiert jegliche Doppeldeutigkeit des Originaltitels „Us“ – ist ein Film über eine Zivilisation, in der, exemplarisch, Rassismus zivilisatorisch begründet und normiert ist. Das Kaninchen zaubert Jordan Peele infolgedessen aus dem Hut, aber nur deswegen, um es aus seinem Käfig zu befreien.

Worin die Befreiung orientierungslos hoppelnder Kaninchen kulminiert, wird in „Wir“ explizit. Man kann auch dieses Werk als „Social Thriller“ (Peele) lesen. Demnach überhöht der Regisseur jene Sedimentschicht allegorisch, die in jedem von uns steckt – das Kaninchen konfrontiert uns mit unserem Unterbewusstsein, dem Verräterischen, Unheilbringenden, dem direkt Aggressiven, das postwendend auf uns zurückfällt, indem es ungezügelt über uns und andere hereinbricht. Kryptisch will Jordan Peele diesen Subtext nicht vermitteln – denn „Wir“ identifiziert sich gleichfalls über Einkerbungen reißerischen Genrekinos. Und aus diesem Grund überstreicht Peele das Idyllische genretypisch dunkel. Er schickt zwei Kinder (Shahadi Wright-Joseph, Evan Alex) mitsamt ihren Eltern (Lupita Nyong’o, Winston Duke) zu einem Strandhaus, in dem sie ihren Urlaub verbringen. Es dauert nicht lange, ehe der harmlose Urlaub die unliebsame Vergangenheit beschwört, die zur Schreckensvision avanciert: Die Wilsons begegnen ihren Spiegelbildern. Sie haben Scheren, sind rot eingekleidet und töten enthemmt. Die Einzäunung unserer innersten Fantasien rostet zusehends.

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„Wir“ übertrifft „Get Out“ hauptsächlich in seiner Sensibilität. Die Besetzung geht wunderbar auf – wenn Gabe, der Vater (Duke), für die Running Gags um einen stotternden Bootsmotor zuständig ist, hört Zora, die Tochter (Wright-Joseph), dauerhaft Musik und tippt ihr Smartphone wund. Das familiäre Zusammengehörigkeitsgefühl der Familie Wilson befüllt Jordan Peele anhand dieser einfühlsam-abseitigen Beobachtungen mit einer gehörigen Portion Wärme, Lockerheit und Authentizität. Flache Gags vermeidet er hingegen. Umso leichter fällt die Identifikation während einer Odyssee, die diese Familie schlussendlich anzutreten hat. Vorrangig spitze Parabel und ostentativer Home-Invasion-Hobel, variiert der Film Motive aus episodischen Infiziertenschockern und ländlichen Zombie-Roadmovies: Da sich die Anzahl der „Spiegelbilder“ über das Land verteilt, geraten die Wilsons in effektreich inszenierte Überlebensszenarien, die von einem Prolog in allerschönster Stephen-King-Kirmesatmosphäre gerahmt werden. In Gestalt eines Kirmesgruselfilms zwängt Peele seine Figuren folgerichtig in Spiegelkabinette, in Zimmer und Autos, in Boote.

Der somit gestauchte Raum wirkt als Überbleibsel aus „Get Out“ nach, die Wirksamkeit des Horrors in dessen entmutigender Unumkehrbarkeit zu steigern. Ein zweites Merkmal eint beide Filme – es sind die Zugeständnisse, die Jordan Peele nichtsdestoweniger macht. Entsprechend neunmalklug, aber absehbar geizt er keineswegs mit (gezwungenen) Twists, ausschweifend dechiffriert er die Logik der Geschehnisse. Der Genrefilm, der in „Wir“ steckt, gewinnt an keiner Stelle gegen die entlarvende Hyperbel, die er transportiert: „Wir sind Amerikaner“, lässt Peele Adelaides Doppelgängerin (Nyong’o) lakonisch sagen. Amerikaner, die eindringen, okkupieren, töten. Der amerikanische Werteschwur zerkrümelt angesichts unserer zivilisierten Haut, die von Brandwunden übersät ist und aufzuplatzen droht. Der Mensch ist dem Menschen der Feind – Jordan Peeles „Wir“ evoziert ein Wir, in dem der denkende Mensch und der gedankenlose Mensch immer zusammengehören. Andernfalls sind wir selber die Marionetten unseres Fremden, wenn wir es verdrängen, entschuldigen, bekämpfen und auslöschen wie die Hubschrauber ihren zum Feind umgedeuteten Feind in Vietnam.

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Kritik (Johnny):

Atmosphärische Horrorfilme die das Gefühl vermitteln durch eine langsame Erzählweise spannend in bewegte Bilder verpackt zu werden, gibt es heutzutage nur noch selten. Doch ganz im Stile von Peeles erstem Werk, bewegt sich auch dieser zweite filmische Erguss auf einer ganz ruhigen, bedrohlichen und faszinierenden Reise in die unergründlichen Ergründlichkeiten menschlicher Gefühle, und deren Auswirkungen auf den formbaren Charakter.

Wir folgen einer Familie auf einem Sommerausflug. Sommer, Sonne, Strand sollen das Familienidyll rundum gemütlich, und spaßig erhalten. Doch als eines Nachts eine fremde Familie in der Einfahrt steht, und sich Zugang zum Ferienhaus verschafft, wird alles woran unsere Protagonisten meinten geglaubt zu haben in einen Alptraum verwandelt, der sie näher zu sich Selbst führt als sie jemals für möglich gehalten haben.

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Viele Details der Handlung bleiben bis zum Abschluss der Auflösung im Unklaren. Der Zuschauer wird eingeladen sich selbst zu hinterfragen, weil nur seine eigene Interpretation der Schlüssel zu einem lückenlosen Verlauf darstellt. Die Bildsprache ist sehr dunkel und roh geraten, so das durch den langsameren Verlauf des Films, viel Wert auf den ruhenden Punkt der Bilder gelegt wird. Viele Masken und Details sind deswegen übersichtlich zu erkennen, so das dem Zuschauer jederzeit der Eindruck vermittelt wird Visuell einen überschaubaren Überblick zu haben.

Der Film legt dabei seine ganze Energie in seine atmosphärische Gesamtheit, die bedrohlich und faszinierend zugleich wirkt. Durch die etwas zurückhaltenden aber dennoch schön gestalteten Effekte, wirkt die Atmosphäre wie eine treibende Thriller-Ausrichtung, die einen hervorragenden Spagat hinlegt. Dabei wird die Gratwanderung der beiden Elemente aus Horror und Thriller in ihrer mischenden Gesamtheit präsentiert die mit ihrem dritten Element, dem unterschwelligen humorvollen sprachlichen Ausdrucksweisen der Protagonisten, eine Einheit ergibt, die an den Balanceakt aus „Get Out“ erinnert.

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Und was bei dem Erstling eine großartige Symbiose der Einzigartigkeit ergab, funktioniert nach der selben Formel auch dieses mal. Dafür sorgen auch die schauspielerischen charakteristischen und charismatischen Eindrücke der Schauspieler, die dem gesamten Ablauf des Werkes eine reise-ähnliche Richtung geben, weil sich der Zuschauer mit ihnen entwickelt. Man steht so lange in der Dunkelheit, wie es die Charaktere auch tun. Man erlangt nur das Wissen, wenn die Protagonisten wollen das man es erhält. Dadurch entsteht beim Zuschauer ein fremd-kontroll-artiges Gefühl, weil er sich nur auf die Situation einlassen kann, sie aber zu keinem Zeitpunkt erahnen, oder erraten kann. Egal wie sehr man versucht auf die Hintergründe der Ereignisse zu kommen, wird man am Ende doch überrascht aus dem Kinosaal gehen.

Damit spielt der Film seine letzte böse Tatsache aus, die auf den Zuschauer einprasselt. Denn der Schluss, sowie der gesamte Handlungsverlauf ist ein großes Puzzle, deren Stücke man erst nach mehrmaligem Sichten des Stoffes komplett erfassen kann. Jeder der den Gedanken erfassen möchte, dass er weiß wie der Hase läuft, wird durch seine eigenen Interpretationen immer wieder auf Irrwege geführt, bis er am Ende zwar ein neues Puzzle-Teil entdecken kann, dafür aber wieder andere herausnehmen muss. So ergänzt sich der Film durch seine undurchsichtige Einladung hinter seine Bedeutung und Wahrheit zu gelangen, wodurch er den Zuschauer immer wieder die Aufgabe stellt beim nächsten Schauen noch besser hinzusehen, um vielleicht die komplette Wahrheit in einem Puzzle aus Fragen zu sehen. Denn eine befriedigende Antwort wird es nur geben, indem man sie durch seine eigene individuelle Herangehensweise selbst zusammensammelt.

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Das letzte gemeinsame Wort:

Timo:

Wer sind wir? Wir sind verwachsen mit unserem Schatten, mit der Nacht, mit dem Unheimlichen hinter jener Maske, die wir bereit sind aufzusetzen, um uns zu schützen. Der Trick Jordan Peeles, Doppelgänger als Bedrohung zu materialisieren, ist so alt wie die Quelle des Bösen, die er als solche ausfindig macht: „Erkenne dich selbst!“ Das Orakel prophezeit die Pflicht. 

Ähnlich wie „Get Out“ bietet „Wir“ mannigfaltige Ansätze unterschiedlicher Rezeption, obgleich „Wir“ eine reifere Phase des Regisseurs einleitet. Sein Blick wird systemisch, ohne an Kraft und Komik einzubüßen. „Wir“ ist nahbar wie unnahbar, gruselig wie gravitätisch, slapstickhaft wie plakativ. Der Horrorfilm lebt viele Leben. Manchmal schäumen diese in ihm sogar gleichzeitig.   

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Johnny:

Jordan Peele gelingt mit seinem Zweitwerk ein Film mit vielen Facetten, Sichtweisen und Interpretationssichtweisen. Verschachtelter als „Get Out“ mutiert dieser Streifen zu einem individuell zugeschnittenen Fragewerk, das viele Antworten unserer eignen geistigen Verständigung überlässt. Sind wir unsere eignen Persönlichkeiten, die wir glauben zu sein? Oder sind wir doch nur noch einen verschobene Kopie unserer Selbst, ohne das wir uns selber reflektieren können, um diese Frage zu beantworten. Haben wir uns schon selbst von unseren Fäden abgeschnitten, oder hängen wir an ihnen in dem Glauben von ihnen losgelöst zu interagieren.

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Was sehen wir, wenn wir in den Spiegel schauen? Wer sind „Wir“? Sind wir eine Person gespiegelt von unserem Spiegelbild verspiegelt in einer gespiegelten Welt?

All das sind Fragen, und wir werden mit diesem Werk dazu eingeladen ihnen auf den Grund zu gehen. Eine solche Reise kann zu einem erschreckenden, aber auch reinigendem Erlebnis führen, an deren Ende wir hoffentlich eine Antwort finden. Mir wurden viele Fragen beantwortet, aber auch ebenso viele wieder gestellt. Bin ich am Ende ein selbstreflektierendes Medium in menschlicher Hülle. Oder ein im Geiste gefangenes Individuum, dass ein „Wir“ nicht sehen kann.

Vielleicht stellt ihr euch selber die gleiche Frage? Aber auch wenn nicht kann man auf jeden Fall sagen das mit „Wir“ einer der besten Horrorfilme dieses Jahres erschienen ist, der noch nachhaltig dafür sorgen wird das man über Ihn spricht.

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