Filmkritik: „Der Fall Collini“

Aller Anfang ist schwer

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„Glauben Sie das persönliche Befindlichkeiten etwas im Gerichtssaal zu suchen haben?“ wird der junge aufstrebende Verteidiger Kaspar Leinen (Elyas M´Barek, rechts) vom Anwalt der Nebenklage und Kaspars ehemaliger Professor für Strafrecht, Richard Mattinger (Heiner Lauterbach) gefragt.
Kaspar Leinen zögert lang mit der Annahme dieses Falls. Er muss den Mörder des alternden Großindustriellen Hans Meyer (Manfred Zapatka), der für ihn eine Art Ziehvater darstellte, vor Gericht vertreten. Fabrizio Collini (ausdrucksstark verkörpert von Franceso Nero) schweigt sich 90% der screentime über sich und sein Motiv des Mordes aus und bringt den Jungverteidiger damit mehrmals an den Rand der Verzweiflung. Zudem ist Kaspars alte Jugendliebe Johanna (Alexandra Maria Lara), die Enkelin von Hans Meyer im Verfahren die Nebenklägerin.
Diese persönlichen Befindlichkeiten und Verstrickungen ziehen sich in „Der Fall Collini“ durch die erste Hälfte des Films und ziehen ihn unnötig in die Länge, ohne etwas Essentielles von dem eigentlich sehr interessanten Fall preiszugeben.

Auf der Suche nach dem Motiv

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Erst im zweiten Teil kommt Kaspar Leinen dann endlich hinter das mögliche Motiv von Fabrizio Collini. Der Film beschäftigt sich dann tiefer mit der deutschen NS-Vergangenheit und seiner Aufarbeitung. „Der Fall Collini“ skizziert das sogenannte „Drehergesetz“ wonach die Verbrechen bestimmter Mordgehilfen zu Zeiten des Nationalsozialismus nicht mehr wie Mörder, sondern nur wie Totschläger zu bestrafen sind. Da Totschlag im Gegensatz zu Mord nach 20 Jahren verjährt, gingen ehemalige NS-Offiziere der Wehrmacht, die beispielsweise Partisanenerschießungen im zweiten Weltkrieg befahlen, straffrei aus. Das „Drehergesetz“, mit dem in Wirklichkeit sehr harmlosen Titel „Einführungsgesetz zum Gesetz über Ordnungswidrigkeiten,“ trat am 01.Oktober 1968 in Kraft und unterwanderte auf einem Schlag die vieldiskutierte „Verjährungsdebatte“ im Bundestag und in der Gesellschaft. Möglich machte das Gesetz der Namensgeber Eduard Dreher, einer der einflussreichsten westdeutschen Strafrechtler der 1960er Jahre, der u.a. der jahrelang den Kommentar zum Strafgesetzbuch leistete. Dreher war zuvor im Nationalsozialismus von 1939 bis 1944 Staatsanwalt am Sondergericht in Innsbruck und forderte beispielsweise für Kleiderkartendiebstahl die Todesstrafe. Mit seinem Gesetz verordnete er sich selbst und vielen weiteren ehemaligen Befehlsgebern und „Schreibtischtätern“ im NS-Staat damit die kalte Amnestie. Dieser höchst undemokratische Prozess wird auch vom Regisseur Marco Kreuzpainter und vielmehr zuvor vom Autor der Buchvorlage Ferdinand von Schirach kritisiert; und so sitzt auch später im selben Prozess „Im Fall Collini“ ein Vertreter des Rechts auf der Anklagebank.
„Der Fall Collini“ enthält vieler solcher bildlichen Metaphrasen- so kämpft Kaspar Leinen beispielsweise nachts in einer Turnhalle in Berlin im Boxring gegen sich selbst an und verdeutlicht damit eben die persönlichen Verstrickungen, die ihm von Fall und seinem Erfolg abhalten.
Der Film spielt im Jahr 2001 und erinnert in seiner Absicht oft an einen deutschen Ableger von „A few good Men“ von Rob Reiner aus dem Jahre 1992 (vmtl. bekannt durch die legendäre Dialogszene zwischen Tom Cruise und Jack Nicholson, die zu einem weitreichenden Meme avancierte: „I want the truth!“- „You cant handle the truth!“). „Der Fall Collini“ kann sich nicht gänzlich von dem mitschwebenden Gerechtigkeitspathos des Trailers frei machen, ist seiner Form der Thematik und seiner Aufarbeitung damit aber eben auch ein „typisch deutsches“ Machwerk.
Der Film offenbart einmal wieder einen Generationenkonflikt zwischen dem jungen zunächst übereifriger Verteidiger, der mit Robe zur Anhörung erscheint, sich später aber als ernster und gewissenhafter Rechercheur entpuppt (Elyas M´Barek schält sich hier einmal aus seinem Portfolio des coolen Gangster-Lehrers) und dem Erfahrenen im steten Pathos seines Erfolgs stehenden Anwalt der Nebenklage, der wie kein anderer das deutsche Recht vertritt. Doch ist dieses Recht, das ehemalige NS-Offiziere wohlweislich straffrei davonkommen lässt ein gerechtes?
Der Schriftsteller Ralph Giordano prägte einmal den Ausdruck das die fehlende Aufarbeitung der NS-Taten das „zweite große Verbrechen der Deutschen“ sei.

Eine Aufarbeitung deutscher Geschichte

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Ferdinand von Schirach (Mitte) setzte sich im Buch mit dieser fehlenden Aufarbeitung und auch mit seiner eigenen Familiengeschichte auseinander. Sein Großvater Baldur von Schirach war Reichsjugendführer zur Zeit des Nationalsozialismus der u.a. die Mitgliedschaft in der Hitlerjugend zur Pflicht machte. Für seine Taten wurde auch er nie rechtskräftig verurteilt. „Bin ich das alles auch?“ stellt sich für Ferdinand von Schirach stellvertretend Johanna Meyer im Buch und Film die definitiv wichtigste Frage und transferiert damit den Stoff ins Jahr 2019. Welche Relevanz hat das Thema in Deutschland heute noch? Der Fall Oskar Gröning im April 2015, war der letzte groß- diskutierte und strafrechtlich verfolgte Prozess eines ehemaligen NS-Offiziers, der auch im Rahmen des immer noch gültigen! (wenn auch abgeänderten) „Einführungsgesetz zum Gesetz über Ordnungswidrigkeiten“ verhandelt wurde.
Über diesen Fall hinaus, schwebt aber auch weiterhin die Frage der Aufarbeitung. Wieso wurden die Taten vieler hochrangiger Nationalsozialisten damals minder oder gar nicht bestraft und diese- oft ohne Prozess und Auseinandersetzung- einfach wieder in Gesellschaft eingegliedert? Hängt der wieder aufkommende Rechtspopulismus in Deutschland auch mit ebenjener Verdrängung der eigenen Geschichte und Schuld zusammen? Wie sollte heute mit dem begangenen Unrecht deutscher Soldaten an der damaligen Bevölkerung umgegangen werden?
Der NS-Staat und seine (missglückte) Aufarbeitung ist und bleibt eine Problematik mit der man sich als deutscher Staatsbürger auch 2019 zwangsläufig auseinandersetzen muss und sollte.

Fazit

Der Film, der aufklärerisch daherkommt, sollte nur der Aufhänger sein um sich näher damit zu beschäftigen, als solcher funktioniert er dennoch trotz all der oben geäußerten Kritik.

„Der Fall Collini“ läuft seit 18.April im deutschen Kino.

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