„Betonrausch“ Review

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It‘s all about the pace:

Mit schnellen Schritten nähert sich das SEK-Einsatzkommando dem Wohnbereich der Luxus-Villa. Dann bin ich an der Reihe: “ZUGRIFF!”, brülle ich in der Sprecherkabine. Das Synchronisieren eines SEK-Einsatzes bereitete mir als Komparsenbetreuer ebenso viel Spaß wie die Drehtage am Set. Drehtage, die von allen Beteiligten der Spielfilmproduktion “Betonrausch” einiges abverlangten.

Denn “Betonrausch” wurde von der UFA Fiction an nur 30 Drehtagen in Berlin und einen Tag in der Toskana gedreht. Das ist effizientes Produzieren. Denn ursprünglich sollten bis zu 110 Minuten Unterhaltung entstehen. Auf “Netflix” läuft der Film nun mit einer Nettozeit von 94 Minuten. Gekürzte Szenen bedeuten: Mehr Erzähltempo.

Man sagt “Netflix” produziere das, was morgen Thema sei.

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Konkret erzählt der Film den Aufstieg und Fall dreier Immobilienbetrüger: Viktor Steiner (David Kross), Gerry Falkland (Frederick Lau) und Nicole Kleber (Janina Uhse). Regisseur Cüneyt Kaya zeichnet sich bekanntermaßen durch seine exzellenten Milieu-Studien aus. Ihm und Co-Autor Johannes Kunkel (UFA Fiction) gelingt es Figuren zu skizzieren, die auf komödiantische Weise Zwangsversteigerungen unterwandern.

So kreieren sie eine Betrugsmasche , die sie im Handumdrehen nach oben katapultiert. Werfen wir einen Blick auf die zwei wesentlichen Gauner: Den Großteil der Geschichte nimmt die Erzählperspektive des moralisch flexiblen Viktors ein. Den Antrieb zu seinen illegalen Machenschaften entwickelt er mutmaßlich in seiner Kindheit. In Rückblenden sehen wir den jungen Viktor bei Hilfs Versuchen, seinen verschuldeten Vater aus der Patsche zu helfen. Aber überrascht euch selbst! Denn der charmante Viktor zählt zu den Menschen, denen du alles abkaufen würdest. Der könnte einem Eskimo am Nordpol einen Kühlschrank verkaufen.

Schmiergeld hier – Handlanger dort. Teure Penthouses, Koks und Bordellbesuche.

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Cüneyt Kaya geht der Frage nach, was es mit Menschen macht, wenn dank Korruption ein exzessiver Lebensstil geführt wird. Dabei gibt uns der Film Einblick in die Psyche von Charakteren, deren Leben auf einer Lüge aufbaut. An Viktors Seite steht Gerry. Er ist Familienvater, Schleuser von ausländischen Gastarbeitern und (lustigerweise) der moralisch stabilere von den beiden. Dem Schauspieler-Duo merkt man Spielfreude an.

Obwohl ich Frederick Lau liebe, finde ich, dass sich David Kross besser in seiner ambivalenten Rolle entfaltet. David Kross zeigt Facetten in seinem Spiel, die man bislang nicht von ihm kennt. Die Kunst von Filmschaffenden ist es hierbei, Hauptfiguren zu kreieren, die der Zuschauer/die Zuschauerin trotz der moralisch verwerfliche Dinge die sie tun, gut findet. Exemplarisch fordern Viktor und Gerry beim Bewerbungsgespräch von einer Buchhalterin, dass sie eine Line Koks nimmt.

Was für ein skurriles Einstellungskriterium (Für das weiße Pulver wurde übrigens Traubenzucker mit Pfefferminz-Geschmack verwendet). Gags wie diese werden pointiert im Film eingesetzt. Apropos Gags: Ist „Betonrausch“ eigentlich eine Gaunerkomödie? Oder doch ein Hochstapler-Drama?

Entscheidet euch selbst, welche Erzählformen ihr in der Geschichte der beiden habgierigen Immobilien-Jongleure seht. Zumindest sollte man nicht den Vergleich zu einem Finanz-Epos wie Martin Scorseses „Wolf of Wallstreet“ ziehen. Der Vergleich hinkt.

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Ich persönlich sehe in „Betonrausch“ eine seichte Tragikomödie über -den Grauen Kapitalmarkt. Seicht, da mich als Otto Normalverbraucher die Details eines Immobilienbetrugs weniger interessieren. Viel mehr folge ich den persönlichen Konflikten von Viktor, Gerry und der Komplizin Nicole. Den drei Hauptfiguren, die sehr differente moralische Auffassungen haben.

Sie müssen Entscheidungen treffen, die auch Konsequenzen für ihr Familienleben bedeuten können. Dennoch bin ich fasziniert von der Symbolkraft der pompösen Luxus-Immobilien. Mir ist bewusst geworden, wie wichtig finanzielle Bildung ist – die leider nicht in der Schule unterrichtet wird. Finanzielle Bildung, die im übrigen auch den Opfern des Betruges gut getan hätte. Jedoch nimmt der Film – dem straffen Erzähltempo geschuldet – nie wirklich die Opferperspektive ein.

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“Betonrausch” ist kein Film, von dem man sich berieseln lässt, um in Feel-Good-Stimmung zu kommen. Er spiegelt im Erzählkern die Gesellschaft in ihrer Habgier. Der Film gibt Anreiz zum Nachdenken.

Wie hätte man sich selbst verhalten? Man kann aus seiner Alltags-Bubble in einen Kosmos des Größenwahns gelangen. Besonders die Identifikation mit der Figur Viktor gelingt. Gewünscht hätte ich mir allerdings mehr Fokus auf die Nebencharaktere und mehr Fallhöhe für die Gauner.

Die Exposition in der wir verstehen wollen, in welchem Zustand sich die Figuren zu Beginn der Geschichte befinden, kommt zu kurz. Denn die Story ist in ihren Grundsätzen wunderbar komplex gestrickt.

„Betonrausch“ liefert Stoff für eine ganze Serie. Stoff der es wert ist, ruhig etabliert zu werden. In 94 Minuten kann man aber nicht alles erwarten. Wo wir wieder am Anfang dieser Kritik sind: Erzähltempo. It‘s all about the pace!

Gastautor: Felix Seyfert

Über Marcel 577 Artikel
Film ist eine Sprache die jeder versteht. Egal ob in serieller Form oder als Animation, Film dient den Menschen als Unterhaltung und begeistert durch seine Vielfältigkeit. Sei es auf den Ebenen der Erzählung, Effekten oder Charakteren. Film ist aber nicht nur eine Sprache, sondern eine Kunstform, ganz gleich in welcher Art und Weise. Das was ich an Film und allgemein an Medien liebe, ist die Vielfältigkeit, die verschiedenen Ebenen insbesondere die Meta Ebenen und in neue Welten einzutauchen. Aber auch Kritik und Lösungsvorschläge filmisch an unserem heutigen System auszuüben und zu zeigen, wie die Welt in der Zukunft aussehen könnte. "Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein".

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