Sløborn Serienreview

©ZDFE Krzysztof Wiktor

Christian Alvart, ein Mann den man mit dem deutschen Genrekino wohl am häufigsten in Verbindung bringt. Nicht zuletzt weil er meistens auf amerikanische Vorbilder und Stereotypen sitzt, die im deutschen Film und Fernsehen lange Zeit unterrepräsentiert waren. Das ausgeglichen hat nun Netflix.

Nach Alvarts ersten Versuch der seriellen Erzählung mit dem Gangsterdrama „Dogs of Berlin“ wagt er nun einen nächsten Versuch, der zugleich unabsichtliches ein hoch aktuelles Thema aufgreift. Zugegeben zu dem Zeitpunkt, wo „SLØBORN“ gedreht wurde, war Corona noch in weiter Ferne. Umso erschreckender ist nun zu sehen, wo realistisch Alvarts Version im Kontext des Hier und Jetzt wirkt.

Ein Virus geht rum

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Es fühlt sich beinahe so an, als hätte er es voraus gesehen. Doch anders als in Dogs of Berlin führt Alvart hier nicht alleine das Zepter. Mit Adolfo Kolmerer hat er sich einen der vielversprechensden Namen im deutschen Genrekino herausgepickt, der schon mit Filmen wie „Schneeflöckchen“ und „Abikalypse“ bewiesen hat, wie vielseitig der deutsche Film sein kann.

Nun muss man hierbei allerdings ein paar Dinge bedenken, erstens es ist eine ZDF Produktion und hat damit den Anspruch Dinge zu Vermitteln, Werte zu vermitteln und zweitens ist die Thematik durch Corona so heikel, dass wenn Alvart sich hierbei wiedermal amerikanische Vorbilder genommen hätte, die Serie definitiv zu einem viel späteren Zeitpunkt erschienen wäre.

Inseldynamik statt Bombast

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Ergo es ist alles viel ruhiger, langsamer, als man es sonst von Alvart gewohnt ist. Die 8 Folgen lange Geschichte zeigt die Zeit von der Beginn bis zum Zeitpunkt der Pandemie, an dem wir uns jetzt gerade befinden. Dadurch kann man sehr gut beobachtet die Ausbreitung bis hin zum völligen Shutdown nachvollziehen.

Gerade die Momente, wo Alvart und Kolmerer die Infektionskette in vielen Detailshots darstellen, gehört zu den Highlights der Serie und allgemein ist die gesamte visuelle Darstellung sehr hochwertig und realistisch, was sich auch in den Szenen bei Nacht zeigt.

Auf der Insel geht es rund

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Allerdings ist der Virus, der die Insel heimsucht, anfangs nicht Gegenstand der Geschichte, sondern eher Beiwerk. Es geht in erster Linie um die Insel, um die Schicksale ihrer Bewohner, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

So muss man sagen, dass die Thematik des Virus so spannend sie auch in Szene gesetzt ist, nur in Kombination mit den Charakteren funktioniert. Zwar bietet die Serie da eine umgemeine Vielfalt von verschiedenen Stereotypen, dennoch gibt es auch da einige die zu kurz kommen.

Außenseiter im Mittelpunkt des Geschehens

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Zu gerne hätte man noch mehr von dem Resozialisierungsprogramm mit den straffälligen Jugendlichen gesehen, welches zu den Sternstunden der Serie gehört. Gerade deren Schicksale, sei es Aaron Hilmers wunderbar gespielter Devid oder der mitfühlende, wenn auch strenge Gruppenführer Martin Fisker. Immerzu setzt man sich mit der Frage auseinander, ob sie eine zweite Chance verdient haben und was sie eigentlich zu ihren Taten verleitet hat. Das auszubauen und vor allem mehr von Lea van Ackens Charakter Ella zu zeigen, dürfte wohl die Aufgabe der zweiten Staffel sein.

Unvergesslich ist auch die meisterhafte Standalone Performance von Alexander Scheer. Bei seinem drogenabhängigen Schriftsteller Nikolai Wagner, der langsam aber sicher dem Wahnsinn verfällt fragt man sich zeitweise, ob es ethisch vertretbar ist, bei der recht ernsten Thematik zu lachen oder ob man ihn aus ganzen Herzen bedauern sollte.

Jungstars brillieren auf ganzer Linie

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Auch eine der großen Stärken der Serie sind Emily Kusche und Adrian Gründwald, die uns durch die Geschichte führen. Gerade letzterer macht eine unfassbare Entwicklung durch, die anfangs noch nicht absehbar ist. Sein Schicksal gegen Ende ist wohl das tragischste und zugleich ergreifendste. Kusche hingegen hat nun nach vielen Nebenrollen endlich ihre Sternstunde und weiß gekonnt, die Geschichte zu tragen. In einer Szene fährt sie mit dem Skateboard über die Insel, in der nächsten spielt sie Ersatzmutter mit ihre vernachlässigten Brüder und hat selber ein schweres Päckchen zu tragen.

Zusammengefasst ist „SLØBORN“ sehr sehenswert. Nicht nur aufgrund der Dynamik der Geschichte, sondern auch oder gerade wegen den Charakteren. Es ist eine Slo-Burner Serie, die anfangs Zeit braucht um sich zu finden, dann aber zur Höchstform aufläuft. Christian Alvart beweist damit, dass er auch die ruhigen Töne anschlagen kann und gerade die Kombination zwischen ihm und Kolmerer wunderbar aufgeht. Gerne mehr vom vom neuen Regie Duo.

Über Marcel 577 Artikel
Film ist eine Sprache die jeder versteht. Egal ob in serieller Form oder als Animation, Film dient den Menschen als Unterhaltung und begeistert durch seine Vielfältigkeit. Sei es auf den Ebenen der Erzählung, Effekten oder Charakteren. Film ist aber nicht nur eine Sprache, sondern eine Kunstform, ganz gleich in welcher Art und Weise. Das was ich an Film und allgemein an Medien liebe, ist die Vielfältigkeit, die verschiedenen Ebenen insbesondere die Meta Ebenen und in neue Welten einzutauchen. Aber auch Kritik und Lösungsvorschläge filmisch an unserem heutigen System auszuüben und zu zeigen, wie die Welt in der Zukunft aussehen könnte. "Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein".

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